Sonntag, 9. Juli 2006

Blutbad als Vergeltung: Bewaffnete richten
in Bagdader Sunnitenviertel Massaker an

  • Mindestens 42 Menschen wurden brutal umgebracht
  • Rache für Angriffe auf schiitische Moschee?

Bei religiös motivierten Gewalttaten sind im Irak mehr als 60 Menschen getötet worden. Maskierte ermordeten in einem sunnitischen Stadtviertel von Bagdad mindestens 42 Menschen; wenige Stunden später explodierten nahe einer schiitischen Gebetsstätte zwei Autobomben. Dabei starben mindestens 19 Menschen. Der irakische Präsident Jalal Talabani erklärte, mit den Gewalttaten solle der Irak in einen Bürgerkrieg gestürzt werden. Dies dürfe nicht zugelassen werden. Der radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr forderte ein Krisentreffen der politisch Verantwortlichen, "um das Blutvergießen zu beenden".

Die Angreifer errichteten nach Angaben der Sicherheitskräfte im westlichen Stadtteil Jihad eine Straßensperre, an der sie Autofahrer zum Aussteigen zwangen, sich die Papiere zeigen ließen und Sunniten dann kaltblütig erschossen. Die Angreifer drangen demnach auch in einige Häuser ein und töteten sunnitische Bewohner. Die Straßensperre wurde nach einer guten Stunde wieder aufgehoben, als irakische Sicherheitskräfte und US-Soldaten in der Nähe aufzogen. Die US-Truppen verhängten daraufhin ein zweitägiges Ausgehverbot. Früher waren durch die Explosion einer Autobombe vor einer schiitischen Moschee im selben Stadtteil sieben Menschen getötet und 17 weitere verletzt worden.

Polizisten und sunnitische Politiker machten Mitglieder der von Schiiten dominierten Sicherheitskräfte und die Mehdi-Miliz des schiitischen Geistlichen al-Sadr für das Massaker verantwortlich. "Diese Angriffe beweisen, dass die Milizen den Irak in einen Bürgerkrieg ziehen wollen", sagte Adnan al-Dulaimi, Spitzenpolitiker einer sunnitischen Partei. Ein hochrangiger schiitischer Politiker bestätigte, dass Kämpfer der Mehdi-Miliz in das Viertel Jihad eingerückt seien. Die Miliz gehe aber ausschließlich gegen sunnitische Extremisten vor, die Schiiten getötet hätten.

Wenige Stunden später explodierten im Abstand von fünf Minuten im Stadtteil Kasra im Norden der irakischen Hauptstadt zwei Autobomben. Dabei wurden nach Angaben aus Sicherheitskreisen mindestens 19 Menschen getötet und mindestens 59 weitere verletzt. Anderen Angaben zufolge kamen dabei sogar 25 Menschen ums Leben. Mindestens 14 Fahrzeuge wurde durch die Explosionen in der Nähe einer schiitischen Gebetsstätte zerstört.

Bei weiteren Gewalttaten im Irak starben mindestens zwölf Menschen. Der irakische Präsident Talabani rief alle Seiten zu Zurückhaltung auf. Er appellierte an die Iraker, sich auf ihre Einheit zu besinnen. Der radikale Schiitenführer Sadr sagte, ein Bürgerkrieg müsse verhindert werden. Wegen des Fehlens einer "unabhängigen Regierung" verschlechtere sich die Sicherheitslage dramatisch, erklärte er in der für Schiiten heiligen Stadt Najaf südlich von Bagdad.

US-Militärgerichte klagten am Wochenende weitere fünf Soldaten im Fall Mahmudiya um die Vergewaltigung und Tötung einer Frau und von drei Familienmitgliedern an. Vier von ihnen sollen direkt an der Tat beteiligt gewesen sein, der fünfte soll davon gewusst und geschwiegen haben.

Gegen einen weiteren Soldaten, den 21-jährigen Stephen Green, hat vor einem Zivilgericht im US-Bundesstaat Kentucky bereits der Prozess begonnen. Er soll im März mit zwei Soldaten in ein Haus im Ort Mahmudiya südlich von Bagdad eingedrungen sein und einen Mann, eine Frau und ein fünfjähriges Mädchen getötet haben. Dann habe er eine 25-jährige Irakerin vergewaltigt und umgebracht. Ein vierter Täter soll außerhalb des Hauses gewartet haben. Der Fall hatte im Irak für Entrüstung gesorgt und eine Debatte über die Immunität der ausländischen Soldaten ausgelöst.

Derweil berichtete die amerikanische Zeitung "Los Angeles Times" unter Berufung auf eine vertrauliche Studie der irakischen Regierung, in der Polizei des Landes seien Brutalität und Korruption weit verbreitet. In vielen Fällen würden Festgenommene totgeschlagen oder misshandelt und Frauen vergewaltigt. Demnach sollen Polizisten auch hinter den häufigen Entführungen stecken.
(apa/red)

9.7.2006 21:05