Samstag, 8. Juli 2006

Entspannung im Nahen Osten in Sicht: Israel zieht sich teilweise aus Gazastreifen zurück

  • Haniyeh ruft beide Seiten zur Waffenruhe auf
  • 35 Palästinenser wurden binnen drei Tagen getötet

Knapp zwei Wochen nach Beginn der israelischen Offensive im Gazastreifen hat sich erstmals die Chance einer Beilegung der Auseinandersetzungen abgezeichnet. Die Hamas-Regierung rief am Samstag zum Waffenstillstand auf. "Wenn wir aus der gegenwärtigen Krise herauskommen wollen, müssen wir zur Ruhe zurückfinden, und zwar auf der Basis einer beiderseitigen Einstellung aller Militäroperationen", sagte Kabinettssprecher Ghasi Hamad in Gaza. Dies sei die ausdrückliche Position von Ministerpräsident Ismail Haniyeh. Unterdessen hat sich die israelische Armee aus dem nördlichen Gazastreifen teilweise zurückgezogen.

Der israelische Außenamtssprecher Mark Regev erklärte in einer ersten Stellungnahme, die Hamas müsse zunächst für die Freilassung des entführten Soldaten Gilad Shalit und die Einstellung der Raketenangriffe auf israelisches Territorium sorgen. Dies seien die beiden Grundvoraussetzungen. Israel hat bisher jegliche Verhandlungen mit der Hamas-Regierung oder den mit ihr verbundenen Entführern abgelehnt. Der Minister für Öffentliche Sicherheit, Avi Dichter, signalisierte allerdings, nach einer Freilassung Shalits könnte sich Israel mit der Freilassung palästinensischer Gefangener erkenntlich zeigen.

Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas deutete an, Israel sei möglicherweise für einen solchen zweiphasigen Austausch ohne explizite Verhandlungen darüber bereit. Der israelische Kabinettsminister Ofir Pines-Pas brachte noch eine weitere Komponente ins Spiel: Israel hoffe, nach Beendigung der Offensive zu einer umfassenden Waffenstillstandsvereinbarung mit der Hamas zu gelangen.

Bei ihrer Offensive rückten israelische Truppen am Samstagmorgen bis an die Randbezirke der Millionenstadt Gaza vor. Panzer bezogen etwa 500 Meter vor den Stadtteilen Shadshaiyeh und Seitun Stellung. Zugleich feuerte die Luftwaffe auf eine Gruppe Palästinenser und tötete zwei Hamas-Mitglieder. Ein weiterer Palästinenser erlag Verletzungen, der er sich bei früheren Kämpfen zugezogen hatte.

35 Palästinenser gestorben
Allein binnen drei Tagen kamen bei der knapp zwei Wochen alten Militäraktion bis Samstagmorgen 35 Palästinenser ums Leben, wie aus Angaben palästinensischer Krankenhäuser hervorgeht. Auch ein israelischer Soldat wurde getötet. Sechs weitere Palästinenser fielen früheren Gefechten zum Opfer. Zumeist handelte sich bei den Toten um Extremisten, doch wurde auch Zivilpersonen in Mitleidenschaft gezogen. Ein elfjähriger Junge erlag am Freitag einer Schussverletzung, die ihm ein Israeli zugefügt hatte.

Trotz neuerlicher Ausweitung der Offensive fanden die Truppen allerdings nicht das Versteck, in dem der vor zwei Wochen entführte Soldat Shalit weiterhin festgehalten wurde. Aus Hamas-Kreisen verlautete am Freitag, der 19-Jährige sei wohlauf und werde gut behandelt.

Rückzug aus nördlichem Gazastreifen
Aus Beit Lahiya im nördlichen Gazastreifen rückten die israelischen Truppen am Samstag wieder ab und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Durch enge Gassen fahrende Panzer rissen Hauswände ein, fuhren Strommasten um und zerstörten die Asphaltdecken vieler Straßen. Hausfassaden waren mit Einschusslöchern übersät.

UN-Generalsekretär Kofi Annan ermahnte den Weltsicherheitsrat zu einer deutlichen Stellungnahme zur jüngsten Eskalation des Nahost-Konflikts. Zugleich rief er Israelis und Palästinenser am Freitagabend auf, um der Zivilpersonen Willen zurückzurudern. Beobachter werteten Annans Appell als ungewöhnlichen Tadel und Zeichen seiner Missbilligung, dass sich das Gremium bisher in keiner Weise zu der anhaltenden Krise geäußert hat.

Wegen der israelischen Offensive verließen 65 US-Bürger am Samstag den Gazastreifen. Viele von ihnen sind palästinensischer Herkunft und hatten ihre Familien besucht.
(apa/red)

8.7.2006 14:01