Donnerstag, 29. Juni 2006

Eigentor: Werbe-Branche hat rund um die Fußball-WM die weiblichen Fans übersehen

  • Immerhin 39 Prozent der WM-Zuschauer sind weiblich
  • Experte: "Phänomen, das wir unterschätzt haben!"

Nie zuvor haben mehr Frauen eine Fußball-Weltmeisterschaft verfolgt, doch die Werbebranche hat diese Entwicklung augenscheinlich verschlafen. Sie setzte für das Turnier in Deutschland auf die Zielgruppe Mann: Mit Fußball spielenden Männern, knapp bekleideten Frauen und doppeldeutigem Humor wird bei den Fans überwiegend für Bier, Autos und elektronische Produkte geworben.

"Das ist ein neues Phänomen, das wir sicherlich unterschätzt haben", räumte Maurice Levy, der Chef des weltweit viertgrößten Werbe- und Marketingunternehmens Publicis, angesichts der Fußballbegeisterung der Frauen ein. "Wir haben sicher eine Gelegenheit verpasst." 39 Prozent der Fernsehzuschauer weltweit, die sich bisher die WM-Spiele ansahen, sind Frauen. Das sind bereits so viele, wie bei der gesamten WM 2002. Und Experten zufolge steigt ihre Zahl gewöhnlich noch, wenn das Turnier in die entscheidende Phase geht. Dann werde die Marke von 39 Prozent sicher deutlich übertroffen werden, sagte Kevin Alavy von der Firma Initiative, die die TV-Zuschauerzahlen erfasst.

1 Mrd. Euro für Werbung
Etwa eine Milliarde Euro werden Unternehmen nach Expertenschätzungen während der WM für Werbung ausgegeben. Und wenn sie dabei auf Frauen abzielen, dann offenbar meist nur auf Frauen, die unter dem Fußball leiden und nicht auf weibliche Fans. So bot die Billigfluglinie Easyjet Frauen Sonderreisen als Fluchtgelegenheit vor der WM an. Der Schweizer Tourismusverband warb mit knackigen Landsmännern, die sich angeblich mehr um Frauen als um Fußball kümmern würden.

Adidas hat nix verpasst - angeblich...
Der Sportartikelhersteller Adidas sieht seine Werbestrategie zur WM allerdings bestätigt. "Es ist eine Männer-Weltmeisterschaft, keine Frauen-WM", sagte Uli Becker, Marketingchef der Marke Adidas. Daher sei es durchaus richtig, verstärkt für männertypische Produkte zu werben. Bei der Frauen-Fußball-WM im kommenden Jahr in China werde das Unternehmen auf den Frauen-Fußball antworten. Verpasst habe Adidas nichts.
(apa/red)


29.6.2006 08:37