Samstag, 1. Juli 2006

Dopingskandal vor "Tour de France"-Start: Favoriten Ullrich und Basso ausgeschlossen

  • Auch Stars wie Sevilla, Mancebo & Beloki nicht dabei
  • PLUS: Die Liste der 37 verdächtigten Rad-Profis

Was im Februar mit einer Untersuchung der spanischen Polizei in Madrid begonnen hat, gipfelte im bisher größten Dopingskandal der Radsport-Geschichte. Die "Operacion Puerto" legte ein Dopingnetzwerk von ungekannter Größe offen und erschütterte einen Tag vor dem Start zur 93. Auflage der Tour de France die Radsportwelt in ihren Grundfesten. Die Frankreich-Rundfahrt geht ohne ihre in die Affäre verwickelten Topstars Jan Ullrich (Deutschland/T-Mobile) und Ivan Basso (Italien/Team CSC) über die Bühne.

Außerdem bekamen Oscar Sevilla und Francisco Mancebo (beide Spanien) sowie die fünf Fahrer vom Team Astana-Würth, Joseba Beloki, Alberto Contador, Isidro Nozal (alle Spanien), Sergio Paulinho (Portugal) und der Australier Allan Davis, die Rote Karte.

Im Untersuchungsbericht der Guardia Civil, von dem das spanische Innenministerium Auszüge an die Direktion der Tour de France und den Internationalen Radsportverband UCI weiterleitete, scheinen insgesamt 37 Radsportler auf, denen eine Verwicklung in den Dopingskandal um die spanischen Ärzte Eufemiano Fuentes und Jose Luis Merino vorgeworfen wird. Die Ermittler in Spanien haben Indizien, dass die Beschuldigten mit durch rote Blutkörperchen angereichertem Blut manipuliert haben könnten.

Daraufhin reagierten die betroffenen Teams und die Tour-Verantwortlichen. Ullrich, Sevilla und der sportliche Leiter Rudy Pevenage wurden von T-Mobile mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres suspendiert. "Wir haben Indizien, dass es sich bei den Fahrern, die auf der Liste stehen, um organisiertes Doping gehandelt hat", sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme.

"Als wir heute Morgen ein Fax des Tour-Veranstalters ASO mit den Namen der Fahrer, gegen den die spanische Polizei ermittelt, erhalten hatten, mussten wir reagieren. Die neuen Erkenntnisse reichen aus, dass wir sagen: Es ist unmöglich, mit den Drei weiter zu arbeiten. Wir haben jetzt begründete Zweifel an deren Unschuldsbekundungen, mit der Affäre nichts zu tun zu haben", erklärte Christian Frommert, der Kommunikations-Leiter von T-Mobile.

Ullrich und Sevilla wurden vom eigenen Team suspendiert, die anderen nach einem Beschluss der Vereinigung aller sportlichen Leiter. Erst danach suspendierte auch CSC-Manager Bjarne Riis den Giro-Gewinner Basso bis auf weiteres. Dass die Teams keine andere Wahl hatten, als die Fahrer trotz ungeklärter Beweislage und Schuldfrage von der Startliste streichen zu lassen, liegt am Ethik-Code der ProTour. Der Code sieht vor, dass keiner Rennen fahren darf, der in einem laufenden Doping-Verfahren steckt. Die Team-Manager entschieden am Freitagmorgen auch, dass keine Fahrer ersetzt werden dürfen.

Ullrich und Basso beteuern ihre Unschuld
Ullrich und Basso beteuerte unverändert ihre Unschuld. "Ich bin in einem absoluten Schockzustand", sagte Ullrich im ZDF, "das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist." Er sehe sich als Opfer und werde versuchen, seine Unschuld mit Hilfe eines Anwalts zu beweisen. "Ich kann nur sagen, dass ich nach wie vor nichts mit der Sache zu tun habe." Basso erklärte sich ebenfalls unschuldig und meinte nur: "Ich habe nichts getan, die Anwälte werden für mich sprechen."

Kann Totschnig von Sperren profitieren?
Die unter Dopingverdacht geratenen Ullrich und Basso, aber auch andere Profis, hatten sich Chancen ausgerechnet, die Tour im Jahr eins nach Lance Armstrong zu gewinnen. Der Kreis der Kandidaten für die Armstrong-Nachfolge ist groß. Auch der Tiroler Georg Totschnig, der sich 2004 als Siebenter unter den Topfahrern etablierte, darf sich noch größere Chancen auf eine Spitzen-Platzierung ausrechnen. "Sportlich ändert sich für mich nichts. Es ist nur wichtig, dass ich mich auf den Sport konzentriere", meinte der Sportler des Jahres. Vor dem Doping-Skandal hatte der 35-Jährige einen Top-5-Platz als Ziel angegeben.

"Im ersten Moment bin ich geschockt gewesen", meinte Totschnig. "Das ist für den Radsport ein riesiges Problem. Dass Fahrer heim geschickt werden, ist konsequent und bestätigt die harte Anti-Doping-Regelung. Das ist das Einzige, das dem Radsport helfen kann. Es ist gut, dass keine Rücksicht auf große Namen genommen wurde", sagte der Tiroler im Gespräch mit der APA.

"Das ist eine große Chance, den Sumpf trocken zu legen. Vielleicht hat es diesen Skandal gebraucht, um den Sport zu retten", meinte sein Gerolsteiner-Teamkollege Peter Wrolich. "Aber nach den Berichten aus Spanien gab es 200 Blutbeutel und mehr als 140 kamen aus anderen Sportarten. Es wird interessant, ob die anderen betroffenen Sportler auch genannt werden." Bernhard Eisel, der dritte Österreicher bei der Tour 2006, sagte: "Es ist traurig, dass diese Problematik mittlerweile zur Normalität geworden ist."

Weniger Teams mit dabei
Möglicherweise werden nur 19 statt 21 Teams an den Start gehen. Valenciana ist von den Tour-Organisatoren suspendiert worden, Astana-Würth mit dem Favoriten Alexander Winokurow hat zwar durch den Internationalen Sport-Gerichtshofes CAS ein Startrecht erkämpft, die Veranstalter hoffen aber weiter durch die aktuellen Entwicklungen auf einen Start-Verzicht.

Die Tour-Verantwortlichen scheinen jedenfalls acht Jahre nach dem Festina-Skandal gewillt zu sein, den Doping-Sumpf trocken zu legen. "Wir haben jetzt die Chance auf eine wirklich andere Tour", sagte Prudhomme.

Die von der spanischen Polizei des Dopings beschuldigten Rad-Profis:

CSC (1): Ivan Basso (ITA)

Caisse D'Epargne-Iles Baleares (1): Constantino Zaballa (ESP)

Saunier Duval (1): Carlos Zarate (ESP)

AG2R (1): Francisco Mancebo (ESP)

T-Mobile (2): Jan Ullrich (GER), Oscar Sevilla (ESP)

Phonak (2): Jose Enrique Gutierrez (ESP), Jose Ignacio Gutierrez (ESP)

Communidad Valenciana (14/Tour-Start wurde verboten): Vicente Ballester (ESP), David Bernabeu (ESP), David Rodriguez (ESP), Jose Adrian Bonilla (ESP), Juan Gomis Lopez (ESP), Eladio Jimenez Sanchez (ESP), David Latasa (ESP), Ruben Plaza (ESP), Jose Luis Martinez (ESP), Manuel Llorent (ESP), Antonio Olmo (ESP), David Munoz (ESP), Javier Cherro (ESP), Javier Pascual (ESP - Ex-Fahrer, derzeit Team-Mitarbeiter)

Unibet (1): Carlos Garcia Quesada (ESP - Start bei Österreich-Tour vorgesehen)

Astana-Würth (9/Tour-Start durch Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs erwirkt): Michele Scarponi (ITA), Marcos Antonio Serrano (ESP), David Etxebarria (ESP), Joseba Beloki (ESP), Angel Vicioso (ESP), Isidro Nozal (ESP), Unai Osa (ESP), Jörg Jaksche (GER), Giampaolo Caruso (ITA)

Bereits wegen Dopings zurückgetreten oder gesperrt (5):
Roberto Heras (ESP), Angel Casero (ESP), Santiago Perez (ESP), Tyler Hamilton (USA), Igor Gonzalez Galdeano (ESP)

(apa/red)

1.7.2006 16:43