Freitag, 23. Juni 2006

Nerven aus Stahl: Italiener präsentierten sich gegen Tschechien auch mental topfit!

  • Lippi begeistert vom Kampfgeist der Squadra Azzurra
  • Möglicherweise Abschiedsvorstellung von Nedved

Italiens Fußball-Nationalmannschaft stellt bei der WM ein bemerkenswertes Nervenkostüm unter Beweis. Während sich in der Heimat im riesigen "Calcio"-Skandal die Schlinge um die vier vor das Sportgericht geladenen Top-Klubs Juventus Turin, AC Milan, Lazio Rom und AC Fiorentina (13 der 23 WM-Kader-Spieler stehen bei diesen vier Klubs unter Vertrag!) immer enger zusammenzieht, qualifizierte sich das Team von Teamchef Marcello Lippi mit einem 2:0 im "Finale" gegen Tschechien als Sieger der Gruppe E souverän fürs Achtelfinale.

Lippi lobte nach dem fixierten Aufstieg den Zusammenhalt seiner Mannen in allerhöchsten Tönen: "Das ist möglicherweise der größte Kampfgeist, den ich je in einer Mannschaft erlebt habe." Dass der überragende Torhüter Gianluigi Buffon nach dem 1:0 durch einen Kopfball von Marco Materazzi einen 100-m-Sprint hinlegte, um sich an der italienischen Jubeltraube zu beteiligen, unterstrich Lippis These nur.

Keine Ablenkung durch Betrugsskandal
Der Betrugsskandal in der Serie A sorgt laut Lippi in seiner Truppe für keinerlei Unruhe. "Es gibt seit einem Monat keine wirklichen Neuigkeiten. Außenstehende glauben, dass die Spieler andauernd an die Sache denken. Aber kein Einziger denkt daran. Die WM ist ein Ereignis, dass es für die Spieler möglicherweise nur einmal in ihrem Leben gibt. Deswegen gilt ihre volle Konzentration diesem Turnier."

Jetzt wartet Australien
Der Tatsache, dass man durch Platz eins ein Achtelfinale gegen Titelverteidiger Brasilien vermieden hat, misst Lippi nicht zu viel Bedeutung zu. "Früher oder später muss man sowieso gegen einen Topfavoriten spielen." Allerdings scheint die Aufgabe Australien, die auf die "Squadra" wartet, doch um einiges lösbarer als der Brocken Brasilien zu sein.

Inzaghi rechtfertigte Vertrauen
Filippo Inzaghi hat gegen die Tschechen von Lippi seine erste WM-Chance erhalten und diese standesgemäß genutzt - mit dem Treffer zum 2:0 kurz vor dem Ende. Der AC-Milan-Stürmer feierte damit das Jubiläum seines 50. Länderspiels auf würdige Art und Weise. Inzaghi hatte auf Grund einer Serie von Verletzungsproblemen kein einziges Quali-Match bestritten, gegen Ghana und die USA war er auf der Bank gesessen, gegen die Tschechen kam "Pippo" aber nach 60 Minuten für Alberto Gilardino in die Partie.

Inzaghi bedankte sich vor allem für das in ihn gesetzte Vertrauen: "Das gesamte Aufgebot ist hinter mir gestanden. Dieses Vertrauen ist mir wichtiger als das Tor."

Nedved vor Karriere-Ende
Mit seinem 90. Länderspiel ist die Nationalteamkarriere des tschechischen Fußball-Superstars Pavel Nedved aller Voraussicht nach zu Ende gegangen. Vielleicht war die zum überraschend frühen WM-Out führende Niederlage sogar überhaupt das letzte Bewerbspiel des Routiniers, der am 30. August 34 Jahre alt wird.

"Ich möchte zu meiner Zukunft gar nichts sagen und lasse mir alles offen", geht Nedved diesmal jedoch auf Nummer Sicher und zunächst einmal in den verdienten Urlaub. Der Mittelfeldspieler von Juventus Turin hatte bereits einmal seinen Abschied aus dem Nationalteam bekannt gegeben, doch vor den entscheidenden WM-Quali-Playoff-Partien im November 2005 gegen Norwegen hatte es dann den Rücktritt vom Rücktritt gegeben.

Auf die Frage, ob er schon einmal ans Ende seiner Team- und Vereins-Karriere gedacht habe, meinte Nedved: "Ja, das habe ich." Der derzeitige Zustand seines Arbeitgebers Juventus, wo Nedved seit 2001 spielt, beschert dem Blondschopf natürlich zusätzliche Fragezeichen im Kopf. "Es wird viel über einen möglichen Zwangsabstieg von Juve gesprochen. Auch diese Sache wird meine Entscheidung natürlich beeinflussen."

Buffon zog Tschechen-Star den Nerv
An Nedved, der seit 1994 im tschechischen A-Team spielt, lag es nicht, dass man wie gegen Ghana auch gegen Italien 0:2 unterlag und scheiterte. Die "furia ceca" spielte stark, wurde jedoch von seinem sensationell haltenden Juve-Vereinskollegen Gianluigi Buffon im Tor der Italiener vier Mal entzaubert. "Buffon ist ein großartiger Tormann. Er und Petr Cech gehören zu den besten Goalies der Welt." Nach Schlusspfiff umarmten einander Nedved und Buffon innig, das Trikot tauschte Nedved mit Italien-Kapitän Fabio Cannavaro, einem weiteren Juve-Kollegen.

Schwache WM-Bilanz der "Goldenen Generation"
Abzuwarten bleibt auch, wie weitere Leistungsträger der starken Tschechen-Generation wie Tomas Galasek (33), Karel Poborsky (34), Vladimir Smicer (33) oder auch Salzburg-Stürmer Vratislav Lokvenc (32) ihre Teamzukunft sehen. Bei Europameisterschaften erreichte diese Truppe mit dem Finale 1996 (Golden-Goal-Niederlage gegen Deutschland) und dem Halbfinale 2004 (Silver-Goal-Niederlage gegen Griechenland) tolle Erfolge, punkto Weltmeisterschaften bleibt jedoch unterm Strich eine magere Bilanz: 1998 und 2002 in der Quali gescheitert, 2006 out in der Gruppenphase der Endrunde.

Auch Zukunft von Trainer-Guru Brückner ungewiss
Ungewiss ist auch die Zukunft des großen tschechischen Trainer-Zampanos Karel Brückner (seit 2001 im Amt), der sich so wie Nedved nicht präzise äußern wollte. "Es ist zu früh, um etwas zu sagen und zu planen." Klare Worte fand der 66-Jährige hingegen zum Ausschluss seines Spielers Jan Polak, der unmittelbar vor der Pause nach einem völlig unnötigen Foul von hinten gegen Francesco Totti Gelb-Rot sah: "Das war einfach nur dumm."

Damit mussten die Tschechen neben ihrem akuten Stürmerproblem (Milan Baros spielte angeschlagen, Lokvenc war gesperrt, Jan Koller fehlte verletzt) auch noch eine numerische Unterlegenheit hinnehmen. Wie übrigens bereits gegen Ghana, als Tomas Ujfalusi nach 65 Minuten wegen einer Notbremse Rot gesehen hatte. "Das darf man sich gegen starke Gegner wie Ghana oder Italien nicht leisten", so Brückner.

(apa/red)

23.6.2006 13:24