Donnerstag, 22. Juni 2006

Es wird gelesen: Abwechslungsreicher 1. Tag beim Klagenfurter Bachmann-Preis!

  • Mehrzahl der Texte von Jury freundlich aufgenommen
  • Viel Lob für Clemens Meyer und Angelika Overath

Viel Abwechslung brachte der erste Tag bei der 30. Auflage des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater. Die Mehrzahl der Texte fand freundliche bis lobende Aufnahme bei der Jury, kein Autor stürzte wirklich ab, vielleicht mit Ausnahme von Kevin Vennemann, dessen Romananfang ziemlich zerpflückt wurde. Der österreichische Autor Bodo Hell polarisierte die Jury, sehr viel Lob ernteten Angelika Overath und Clemens Meyer.

Sigrid Behrens hatte die undankbare Aufgabe, den Anfang zu machen. Ihr Romanauszug wurde von sehr verhalten bewertet, den meisten war er "zu artifiziell". Heinrich Detering fand einen "zarten, feinen Text", Juryvorsitzende Iris Radisch konstatierte ein "Misslingen am Thema". Für Klaus Nüchtern ist der Text "klug und gut", Martin Ebel stieß sich an der "hohen Sprache voller Manierismen".

Viel Lob, aber auch scharfe Kritik, erntete Bodo Hell für seine Montage aus "Trash-Sprache" , die er in Performance-Manier samt Maultrommel vortrug. "Stadt Land Berg" ist eine Collage aus Alltagssprachen und erntete die meisten Lacher seit Jahren. Ilma Rakusa sah einen "Work in progress" in der Arbeit Hells. Harsche Kritik übte Karl Corino, der Text schaffe es nicht, "sich dem ganzen Unsinn auf die Dauer zu widersetzen".

Silvio Huonders lakonische Geschichte um ein ungewolltes Kind, das schließlich doch geboren wird, war manchen zu ruhig, zu zurückhaltend. Burkhard Spinnen fand den Text "todtraurig", Detering wieder bemängelte, er sei "sehr gut gedacht, aber nicht ganz so gut gemacht". Radisch erfuhr zu wenig über die Protagonisten, Rakusa sah zu wenig "Charakter" der Geschichte. Corino verteilte Lob, Ebel sah sogar komische Aspekte.

Einheitlicher fiel die Bewertung der "Reise zum Fluss" von Clemens Meyer aus. Die klassische Knastgeschichte brachte Ursula März gar zum Schwärmen ob der überwältigenden literarische Eleganz und Raffinesse". Corino zog seinen Hut, Rakusa ortete eine große Stimmigkeit, ebenso Radisch. Verhaltener Detering, für den die Protagonisten "reden wie die Piraten in der Schatzinsel".

Angelika Overaths Romanauszug "Das Aquarium" wurde von der Jury fast einhellig gelobt. Von einem "großen Versprechen" sprach etwa Corino, Rakusa lobte die präzise Sprache, Spinnen freute sich schon aufs Weiterlesen. Kritik klang wenn überhaupt nur ganz leise an.

Kevin Vennemanns Romananfang fiel hingegen ziemlich durch. Radisch platzierte den Text "irgendwo zwischen Utta Danella und Kärntner Nationalschwulst". Corino befand, die Arbeit sei "politisch relevant, aber literarisch ungenügend". Rakusa hielt dagegen, es sei eine sehr sorgfältige Arbeit.

Zum Abschluss las Andreas Merkel "Aus dem Unterholz", ein Text über die Verhandlungen eines Computer-Experten um einen Auftrag und die damit verbundenen Probleme beschreibt. Strigl gefiel die Arbeit sehr gut, Spinnen zeigte sich interessiert. Ebel sah einen sehr präzis gearbeiteten Text, Detering und Radisch waren nicht so ganz begeistert. (apa)

22.6.2006 18:34