Samstag, 17. Juni 2006

Taube hören mit High tech: Wiener AKH perfektioniert das Cochlea-Implantant!

  • NEWS-Reportage über ein vollektronisches Gehör
  • 24 x 30 x 3 mm-Wunderwerk der Medizinelektronik

Taubheit ist heute kein Lebensschicksal mehr. Am Wiener AKH wird das Cochlea-Implantat für die ganze Welt perfektioniert.

Saskia Baum ist 12 Monate alt. Ehe ihr vor drei Wochen von Professor Wolf-Dieter Baumgartner - einem weltweit begehrten Experten für HNO-Transplantationschirurgie - in einem zweieinhalbstündigen Eingriff im AKH Wien ein "Cochlea"-Implantat einoperiert wurde, war sie taub.

Ein genetischer Defekt - eines von 6 Milliarden Basenpaaren des Körpers, das Membranprotein des Kaliumkanals, war verformt. Dieser nicht vererbte molekulare Zufallsdefekt verhinderte den Elektrolysevorgang - und löste beidseitige Taubheit aus.

Entdeckt wurde dieses schwere Leiden beim Hör-Screening für Neugeborene. Bei dieser im Mutter-Kind-Pass vorgeschriebenen Routineuntersuchung werden die Ohren mit 2 bis 3 Dezibel beschallt. Die Reflexion der Haarzellen lässt Rückschlüsse auf das Hörvermögen zu. Durch weitere Untersuchungen kann ein Hördefekt bereits vor der 1. Lallphase (9. Lebensmonat) genau erkannt werden.

War es bei Saskia ein embryonaler Gendefekt, der die Taubheit auslöste, sind es bei anderen Kindern Unfälle und oft Masern, Röteln oder Scharlach, die ebenfalls die Hörfähigkeit komplett zerstören können. In ganz Österreich sind etwa 120 Menschen (davon 60 Kinder) volltaub. Etwa 5 Prozent dieser Schäden sind genetisch bedingt. Für sie ist das Cochlea-Implantat eine ausgereifte Therapiemethode.

High High Tech
Cochlea kommt aus dem Lateinischen - und bedeutet Schnecke. Gemeint ist die Gehörschnecke mit dem Cortischen Organ und den Haarzellen. Die sind mit dem Nervus Cochlearis mit den zentralen Hirnarealen zur Sprachverarbeitung und -erkennung verbunden. Das Cochlea-Implantat ist ein (von vier internationalen Firmen, darunter Medical Electronics Innsbruck, entwickeltes) Hightech-Gerät, das - ohne Batteriebetrieb und daher vom Körper selbst stimuliert - Impulse an die Spiralganglienzellen des Nervus Cochlearis abgibt. Dabei werden mit einer extrem hohen Stimulationsrate von bis zu 18.180 prozessorengesteuerten Pulsen pro Sekunde über eine in die Schnecke eingeführte Elektrode Schallwellen digital transportiert. Das Implantat ist ein 24 mm breites, 30 mm langes und 3 mm dickes Wunderwerk allerhöchster Medizinelektronik, das über eine 3-cm-Elektrode bis hinein ins Zentrum der Gehörschnecke führt. Über diese Elektrode werden die Schallwellen digital ins Gehörinnere transportiert.

Nur die Erfahrung zählt
An die 650 solcher Implantatoperationen hat der erst 39-jährige HNO-Professor Wolf-Dieter Baumgartner weltweit durchgeführt. In Taiwan verfolgten gleichzeitig tausend Chirurgen eine von ihm durchgeführte Gastoperation über Bildschirm. Da allein der Materialpreis des (mit Elektronik vollgestopften) Implantates an die 21.500 Euro beträgt, schlagen sich etwa im Wiener AKH die Kosten einer einzigen Operation mit rund 35.000 Euro zu Buche. Nur mit allerhöchster Präzision und mit größter Erfahrung wird operiert.

Unter Vollnarkose wird dem Patienten über einen 4 cm langen Schnitt hinterm Ohr nach vorheriger Einfräsung eines Knochenbettes das flache Gerät unter die Haut eingebettet. Übers Mikroskop wird die Elektrode in die Schnecke eingeführt - und noch während der OP wird über Laptop und Schallstimulation die Funktionsfähigkeit überprüft. Über unblutige Induktion wird die Elektronik später von außen programmiert. Die modernen Geräte sind so ausgereift, dass man sie hinterm Ohr kaum noch sieht und dass man mit ihnen jeden Sport betreiben kann.

Die gesamte Story lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von NEWS!

17.6.2006 23:34