Donnerstag, 15. Juni 2006

Gott Fußball - Religion & Kriegsersatz: NEWS über das weltweite Faszinosum WM

  • Soziologe Girtler: 'Weit mehr als reine Unterhaltung"
  • Fußball forciert auch das eigene Nationalbewusstsein

"Ihr. Könnt. Nach. Hause fahr'n, ihr könnt nach Hause fahr'n ...", johlt eine tiefe Männerstimme mit deutsch-deutschem Akzent auf Knopfdruck. Den singenden Schlüsselanhänger, einen von Abertausenden Fanartikeln zur Fußball-WM, hat Roland Girtler erst kürzlich beim Diskonter ums Eck für zwei Euro erstanden. "Was für eine Erniedrigung des Gegners!", amüsiert sich der Wiener Soziologe, der jahrelang das Fanverhalten im Fußballsport erforscht hat.

Wie wird man Fußballfan, wieso erregt die WM weltweit ganze Nationen, warum werden Fußballmannschaften wie Gottheiten angebetet, und weshalb pilgern die Massen nach wie vor regelmäßig in die Stadien - trotz Direktübertragung ins Wohnzimmer?

NEWS ging dem Fan-Phänomen auf den Grund und suchte bei Soziologen und Verhaltensforschern, Psychologen und Kulturwissenschaftlern nach Antworten. "Fußball ist weit mehr als reine Unterhaltung", ist Girtler überzeugt.

Was hinter dem Fanomen wirklich steckt
In Befragungen, erzählt etwa Günter Amesberger, Psychologieprofessor an den Sportunis Wien und Salzburg, hätten Fans ihr Fußballinteresse zwar mit Ablenkung vom Arbeitsalltag, Entspannung und Ähnlichem begründet. "Experimentalpsychologische Untersuchungen belegen allerdings, dass die Fans umso mehr begeistert sind, je aggressiver gespielt und je mehr gefoult wird." Fußball - ein Volkssport also, bei dem Instinkte und Kampfgeist geweckt werden. Auch auf den Zuschauerrängen.

Fußballfans sind Stammeskrieger
"Der Mensch braucht die Auseinandersetzung - Fußballfans sind wie Stammeskrieger", ist Girtler überzeugt. Die "Kriegsbemalung" in den Vereinsfarben, das Trommeln, der Schlachtgesang ("Hier regiert ..."), die Spottlieder und auch die "Welle" - alles Symbole und Rituale einer kriegerischen Kultur. Interessant sei ebenso die Terminologie im Fußball: "Man spricht auch von Schlachtenbummlern, vom Fußball-,Feld' und von Exekution, wenn ein Spieler zum Elfer antritt", so der Soziologe. Ethologe Kurt Kotrschal, Direktor der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Oberösterreich, drückt es so aus: "Fußball ist eigentlich eine milde Form von Massenpsychose, ein kurzfristiger Rausch von Gewalt und Krieg."

Fußball-"götter" als Identifikationsobjekte
"Identifikation", ein natürlicher Nachahmungstrieb im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung, spielt, so der Wiener Psychiater Peter Gattmann, beim Sport eine ganz große Rolle. Nach der "Ent-Idealisierung" der Eltern würden neue Vorbilder gesucht - und im Fußball gefunden. "Die Spieler werden von den Fans zu Helden, zu Heiligen, zu Göttern stilisiert", sagt der Soziologe Girtler. Das erinnert an alte Mythen. Schon in Homers Ilias finden sich Helden, die sich für eine Gruppe einsetzen oder gar opfern.

Die Identifikation mit dem Ballhelden dient dem "Wir-Gefühl" und führt bis zum Verlust der eigenen Identität. "Menschen brauchen Stars, zu denen sie aufschauen können. So werden eigene Schwächen kaschiert", analysiert Amesberger. Kurz: Je niedriger der Selbstwert, desto mehr Identifikation mit Höherem, Besserem brauchen die Fans. "Der Fan erweitert sein Ich durch die Anteilnahme an der Gottähnlichkeit seines Helden", sagt Psychiater Gattmann.

Ersatzreligion Fußball: Aufgehen im Rausch
Fußball soll auch die "Sinnleere" der Gesellschaft füllen. Immer wieder interpretieren Wissenschaftler den Fußballsport auch als "Ersatzreligion" und wollen zwischen Stadion und Kirche klare Parallelen erkennen. Nicht umsonst werden die Stadien als "moderne Kathedralen" bezeichnet. Der regelmäßige Besuch des Stadions gleiche dem sonntäglichen Gang in die Messe, die Fan-Hymne dem Glaubensbekenntnis, der Eintritt in den Fanclub der Konfirmation, das Vereinsbuch der Bibel. "Und der Goalgetter wird zum Erlöser", meint Wendelin Schmidt-Dengler, Literaturprofessor und Fußballfan. Elementar sei auch die Anbetung eines auserwählen (Fußball-)Gottes wie auch das Gemeinschaftserleben und Zugehörigkeitsgefühl.

Das Drama des individuellen Lebens spielt sich im sportlichen Ereignis jedenfalls im Überformat ab. Psychiater Gattmann: "Das passiert im Zuge der Ent-Individualisierung im Stadion. Man wächst mit der Masse, wird als Teil eines Großen, Ganzen stark. Das eigene, kleine Leben bekommt plötzlich eine neue Dimension. Und das ist hochgeil." Gemeinsam wird hemmungslos geschrien, gejubelt, gesungen, geschimpft und die Welle gemacht. Menschen, die einander nicht kennen, fallen sich in die Arme. Alkohol verstärkt die Emotionalität.

"Auch der Rauschzustand gehört dazu. Fußball ist tatsächlich etwas Ekstatisches für den Zuschauer", sagt Soziologe Girtler. "In der Masse kann man sich treiben lassen, die Vernunft tritt zurück. Die Fans gehen auf im Schutz der Anonymität, die das Ausleben irrationaler Urtriebe besonders gut ermöglicht", erklärt Psychologe Amesberger. Ein sozialpsychologischer Basismechanismus, der auch bei Popkonzerten und Papstbesuchen zutage tritt.

Das Stadion als Ort zur Selbstinszenierung
Gefährlich werden derartige Massenveranstaltungen, wenn sie zum Anlass genommen werden, Aggressionen auszuleben. "Gewalt ist ja etwas Faszinierendes. Viele Jugendliche suchen den Kampf, den Streit - auch mit der Polizei. Die ärgern sich, wenn die Polizei nicht einschreitet. Der Ursprung liegt in der narzisstischen Grundtendenz des Menschen", weiß Roland Girtler. "Jeder will sich selber darstellen, selber Held sein, um so mehr Bedeutsamkeit im Leben zu erlangen." Bei Männern ist dieser Wunsch besonders stark ausgeprägt - nicht umsonst: Schließlich werden auch Frauen seit Urzeiten durch solcherart "männliches" Verhalten sexuell angezogen.

Fußball forciert das Nationalbewusstsein
Das hat auch eine andere Dimension: Länderspiele, wie etwa bei der WM, füttern in Zeiten der Globalisierung das Nationalbewusstsein und den Ethnozentrismus (die eigene Kultur über allem). In keiner anderen Sportart identifiziert sich eine ganze Nation so stark mit "ihrer" Mannschaft. Untersuchungen in Deutschland haben ergeben, dass die Lebenszufriedenheit der Männer stark gestiegen ist, als Deutschland den WM-Titel holte. "Und was kann Politik besser brauchen als zufriedene Menschen?", meint Psychologe Amesberger.

Über keine andere Sportart wurden und werden gleichermaßen historische Kränkungen und Machtkämpfe ausgetragen und verarbeitet. "Sporterfolge sind ein Aushängeschild des Landes." Deswegen bleibt auch Österreichs legendärer Sieg über Deutschland von Córdoba 1978 unvergessen.

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15.6.2006 15:35