Donnerstag, 15. Juni 2006

Deutschland steht Kopf: Euphorie wächst nach Sieg gegen Polen in ungeahnte Höhen

  • Klinsmann zufrieden: "Klima ist Schlüssel zum Erfolg"
  • DFB-Trainer bewies mit Wechsel 'goldenes Händchen'

Um 22:48 Uhr stand Fußball-Deutschland und insbesondere das Dortmunder WM-Stadion Kopf. Der eingewechselte Oliver Neuville, ein geborener Schweizer mit italienischer Mutter und deutschem Vater, sorgte in der 91. Minute mit dem 1:0 gegen Polen für den zweiten DFB-Sieg im zweiten WM-Match, die ohnehin schon gewaltige Euphorie im Veranstalterland wächst spürbar von Tag zu Tag.

Teamchef Jürgen Klinsmann, dessen nach seiner Bestellung im Juli 2004 eingeschlagener Weg im Land des dreifachen Weltmeisters immer mehr Anerkennung findet, ließ wie die Spieler und die Fans den Emotionen freien Lauf und nannte nach Schlusspfiff seine wichtigsten Aufschlüsse aus diesem Kraftakt: "Wir können über 90 Minuten ein hohes Tempo gehen und haben bis zum Schluss Leidenschaft und Entschlossenheit gezeigt. Das sind ganz wichtige mentale Erkenntnisse. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Mannschaftsklima."

Ausgerechnet die WM-Nominierungen von Goldtor-Vorbereiter David Odonkor und Vollstrecker Neuville - beide wurden von Klinsmann mit "goldenem Händchen" eingewechselt - hatten genau vor einem Monat für wilde Diskussionen in Deutschland gesorgt. Genugtuung verspürt Klinsmann, der den Dortmunder Odonkor ohne Länderspiel-Erfahrung ins WM-Aufgebot berufen hatte, dennoch keine. "Es ist einfach nur schön, dass es geklappt hat. Wir wussten, dass uns ihre Schnelligkeit in manchen Situationen weiterbringen kann. Das war ein Sieg der Gemeinschaft."

Die Deutschen verfügten beim Last-Minute-Triumph über einen echten "zwölften Mann", das sensationelle Publikum in Dortmund kitzelte aus der DFB-Elf nach der Gelb-Roten Karte für den Polen Radoslav Sobolewski (75.) noch einmal alles heraus. "Wir spielen die WM zu Hause und wollen mit den Zuschauern im Rücken etwas bewegen. Die Fans in Dortmund waren fantastisch. Jeder der bei diesem Spiel war, wird so wie ich diesen Abend lange nicht vergessen. Solche Geschichten kann nur der Fußball schreiben", war Klinsmann hingerissen.

Angesichts der Atmosphäre in diesem Hexenkessel scheint es kein Wunder, dass die Deutschen in Dortmund keines ihrer mittlerweile 14 Länderspiele (1 Remis) verloren haben. Der pfeilschnelle Odonkor kennt das Stadion wie seine Westentasche, denn der Flügelflitzer spielt für Borussia Dortmund. "Es ist einfach riesig. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben. Ich freue mich unglaublich, dass ich in Dortmund meinen Einsatz bekommen habe", so Odonkor.

Torschütze Neuville, der in seinem 57. Teamspiel seinen ersten neunten Treffer erzielt hatte, fügte hinzu: "Es war ein wichtiges Tor, der Sieg war verdient." Den beiden in Polen geborenen deutschen Stammstürmern Lukas Podolski und Miroslav Klose klebte hingegen an diesem Abend das Pech an den Schuhen, das Duo vergab gleich mehrere hochkarätige Chancen.

Ein Klasse-Match lieferte einmal mehr Philipp Lahm, am deutschen Linksverteidiger (derzeit Bayern München) soll ja bereits der englische Meister FC Chelsea dran sein. "Man hat heute gesehen, dass die Fitness im Fußball sehr wichtig ist", analysierte der Paolo-Maldini-Verehrer, der zum "Man of the Match" gewählt wurde.

Eine Art Verlierer der Partie könnte der rechte Verteidiger Arne Friedrich gewesen sein. Nach seiner Auswechslung ging dank Bernd Schneider und Odonkor auch auf der rechten Seite die Post ab. Doch Klinsmann stellte sich hinter den Hertha-BSC-Spieler: "Er hat seine Defensivaufgaben tadellos erledigt. Wir erwarten nicht von ihm, dass er während der WM plötzlich zum Flügelstürmer wird. Er weiß aber auch, dass es gewisse Alternativen gibt."

(apa)

15.6.2006 13:30