Mittwoch, 14. Juni 2006

Neuer Fall Dutroux? In Belgien wird
Suche nach vermissten Mädchen verstärkt

  • Vorbestrafter Verdächtiger weiter im Dauerverhör

Fünf Tage nach dem Verschwinden von zwei kleinen Mädchen in Lüttich hat die belgische Polizei die Suchaktionen nach den Kindern verstärkt. Polizisten durchkämmten am Mittwoch leerstehende Häuser in der Nähe des Lütticher Cafes, vor dem die siebenjährige Stacy und die zehn Jahre alte Nathalie in der Nacht zum Samstag zuletzt gesehen worden waren.

Ein wegen Vergewaltigung Minderjähriger vorbestrafter Verdächtiger wurde seit Dienstagabend nahezu ununterbrochen vernommen. Die Eltern von Stacy und Nathalie trafen am Mittwochnachmittag im Lütticher Justizpalast ein, wo der 38-Jährige verhört wurde.

Neben leer stehenden Gebäuden suchten Polizisten am Mittwoch eine Eisenbahnstrecke mit Spürhunden ab. Auf der Maas waren Schlauchboote mit Polizeitauchern unterwegs.

Der Verdächtige hatte sich am Dienstagabend der Polizei gestellt, nachdem er sein Fahndungsfoto im Fernsehen gesehen hatte. Es handelt sich um den Freund einer Kellnerin des Cafes, vor dem die Kinder vor fünf Tagen verschwanden. Der Mann war seitdem ebenfalls tagelang unauffindbar gewesen. Im Verhör beteuerte der gelernte Schweißer nach Angaben der Ermittler, nichts mit dem Verschwinden der Kinder zu tun zu haben. Eine Ermittlungsrichterin wird darüber entscheiden, ob Haftbefehl gegen den Mann erlassen werden sollte.

Wegen der einschlägigen Vorstrafen des Verdächtigen, der wegen Vergewaltigung seiner minderjährigen Nichte 1995 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war, geht in Belgien die Angst vor einem neuen Fall Dutroux um. Laut Staatsanwaltschaft gilt der Mann als psychisch instabil. Ende April 2001 auf Bewährung entlassen, wurde er kurz darauf erneut von der Polizei wegen Entführung und Vergewaltigung einer 14-Jährigen festgenommen. Aus einer geschlossenen Anstalt wurde er im Dezember vergangenen Jahres als geheilt entlassen, wie die Zeitung "La Libre Belgique" berichtete.

Von den beiden Kindern fehlt seit Samstag jede Spur. Die Familie der Mädchen hatte am Freitagabend mit Freunden im Bistro "Les Armuriers" im Lütticher Viertel Saint-Leonard gesessen und die Kinder auf der Straße spielen lassen. Der Verdächtige soll sich bis 1.30 Uhr in dem Cafe aufgehalten haben. Etwa eine halbe Stunde später wurde das Verschwinden der Kinder bemerkt. Neben Interpol beteiligt sich auch die nach dem Fall Dutroux gegründete Vereinigung "Child Focus" mit 30.000 Plakaten an der Suche nach den Kindern.

Die Affäre um Marc Dutroux hatte vor zehn Jahren weit über Belgiens Grenzen hinweg für Entsetzen gesorgt. 1996 wurden zwei Mädchenleichen im Garten des Kinderschänders gefunden. Der Pädophile wurde am 22. Juni 2004 wegen Entführung und Vergewaltigung von sechs Mädchen sowie wegen dreifachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dutroux war nach einer ersten Verurteilung 1989 zu dreizehneinhalb Jahren Gefängnis vorzeitig aus der Haft entlassen worden und rückfällig geworden. Sollte sich im Fall von Stacy und Nathalie herausstellen, dass erneut ein freigelassener polizeibekannter Sexualstraftäter zugeschlagen habe, werde eine neue Untersuchung über Behördenversäumnisse fällig, schrieb die Zeitung "Le Soir" am Mittwoch.

(apa)

14.6.2006 17:10