Donnerstag, 8. Juni 2006

Was hat Essen mit Zahntechnik zu tun?:
Christoph Wagner über das Wiener "Mezzo"

  • Ein erfolgreicher Zahntechniker führt einen "Italiener"
  • Hier gibt es große Küche zu überschaubaren Preisen

Wer kauft sich schon eine Arbeit? - So lautet ein altes Sprichwort, das nur höchst selten von Menschen widerlegt wird, die einer Leidenschaft frönen. Horst Sonnenfeld ist so ein Mensch. 66 Jahre alt und Inhaber einer erfolgreichen Zahntechnikfirma, hat er zu Jahresbeginn einen verwaisten Italiener im Souterrain eines fashionablen Hauses am Esteplatz erworben und trägt nach eigenen Worten "das Geld aus der Zahntechnikfirma hinüber ins Restaurant".

Allein: Herr Sonnenfeld ist schon immer ein Feinschmecker und kundiger Friaul-Fahrer gewesen, der von einem eigenen Lokal träumte. Jetzt ist es da, heißt "Mezzo" und könnte in seiner eleganten Schlichtheit - weiße Wände, weiße Tischtücher und wenig, aber gute moderne Kunst - auch in Mailand stehen. Aus seiner burgenländischen Wahlheimat brachte Herr Sonnenfeld auch einen veritablen Meisterkoch mit. Es ist der zwar erst sechsundzwanzigjährige, aber in Fachkreisen bestens beleumundete Max Stiegl, der dem "Inamera" in Rust einen der begehrten Michelin-Sterne erkochte. Im "Mezzo" setzt er, zu durchaus überschaubaren Preisen, auf große Küche mit mediterranem Esprit, serviert ein gar köstliches Duo vom Jakobsmuscheltatar und einer Jakobsmuschel-Rote-Rüben-Lasagne, meisterhafte Pralinen von der Gänseleber, einen Attersee-Saibling mit duftigem Fenchel-Paradeiser-Kompott und ist ein echter Spezialist für frisch gerührte Sorbets und in subtiler Aromatik zubereitete fangfrische Meeresfische.

Noch ein letztes Zucken
"Gerade ist uns die Putzfrau davongelaufen", erzählt Stiegl freimütig, "weil sie nicht mit ansehen konnte, dass der Steinbutt, als ich ihn filetierte, noch gezuckt hat." Patron Sonnenfeld serviert dazu Weine, die entweder sehr wohl kalkuliert (wo bekommt man schon einen 01er Tignanello um 55 Euro?), sehr spannend (Gelber Muskateller von Haiden) oder ziemlich ausgefallen sind, wie die Begegnung mit einem 02er Vitovska des Triestiner Kultwinzers und Blumenhändlers Vodopivec, der seine Weine in Amphoren ausbaut, beweist.

Hier ist Nichts Mainstream
Nein, geschniegelte Allerweltsgastronomie ist Herrn Sonnenfelds Sache nicht, und wer dumm fragt, kann leicht ein Opfer des hintergründigen Humors des Hausherrn werden. Einer Dame, die erkunden wollte, warum bei den Fischen zwei Preise auf der Karte stehen, beschied er etwa: "Der niedrige Preis ist für den alten Fisch, der höhere für den frischen." Sterilität kommt hier jedenfalls nicht auf. Das weiß auch Max Stiegl, der ab Herbst außerdem ein mehrgängiges Innereien-Menü servieren möchte. Mainstream ist das nicht gerade. Aber das "Mezzo" ist auch sicher kein Mainstream-, sondern ein ziemlich spezielles Lokal für Fortgeschrittene.

Mezzo
Esteplatz 6
1030 Wien

Adresse im Lokalführer:
Mezzo

www.speising.net

8.6.2006 11:30