Montag, 5. Juni 2006

Unabhängigkeit Montenegros ohne Folgen für WM-Team: "Weiterhin gute Stimmung"

  • Letzter gemeinsamer Auftritt Serbien-Montenegros
  • Montenegro löste sich per Votum aus Staatenbund

"Nein, die politischen Ereignisse in Serbien-Montenegro haben sicher keinen Einfluss auf die gute Stimmung und Atmosphäre in unserem Team", betont Dejan Savicevic, Präsident des montenegrinischen Fußballverbandes, in einem Gespräch mit der APA. Montenegro verkündete am Samstagabend per Parlamentsbeschluss offiziell die Unabhängigkeit. Damit hörte Serbien-Montenegro zu existieren auf. Bei der WM in Deutschland erfolgt der letzte gemeinsame Auftritt des de facto nicht mehr existierenden Staates auf großer Fußball-Bühne.

Über die Politik werde sicher nicht viel geredet. Die ganze Konzentration gelte den WM-Spielen. "Nur darauf ist der Blick gerichtet", betont Savicevic. Das Team Serbien-Montenegros bereitet sich derzeit in Velden auf die WM vor. Auch der Fußball-Verband Serbien-Montenegros ließ mitteilen, dass die Unabhängigkeit Montenegros kein Thema sei. Gegenüber serbischen Medien strich Dejan Stankovic, Mittelfeldstar im Dienste von Inter Mailand, hervor: Die Unabhängigkeit Montenegros "hat sich nicht auf die Stimmung in unserem Lager ausgewirkt". Die Konzentration gelte nur der WM und alles sei einem guten Abschneiden untergeordnet.

Kaum Erwartungen am Team
Für die WM schraubt der einstige Rapid- und Milan-Star Savicevic, "Il Genio" genannt, die Erwartungen nicht in die Höhe. Die Qualifikation sei schon ein "großer Erfolg" gewesen. In der sehr schwierigen Gruppe C mit Argentinien, den Niederlanden und der Elfenbeinküste "darf man nicht zu viel erwarten". Angesichts dieser Gegner wäre ein Ausscheiden keine Überraschung, der Einzug ins Achtelfinale hingegen schon "eine Heldentat".

"Das Wichtigste ist, dass wir so spielen, wie wir zum Spielen im Stande sind und dass wir uns nicht blamieren." Bei der WM hält Savicevic "natürlich" zu Serbien-Montenegro. Der 39-Jährige, ein großer Befürworter der Unabhängigkeit Montenegros, will künftig nicht nur seinem Land, sondern auch Serbien immer die Daumen drücken.

620.000-Einwohnerland sucht nach gutem Team
Im 620.000-Einwohnerland Montenegro werde jetzt jedenfalls versucht, ein gutes Team für die WM-Qualifikation 2010 auf die Beine zu stellen. Wichtig sei, dass Montenegro in der Qualifikation mitspielt. An eine mögliche Teilnahme bei der WM in Südafrika wolle er noch keine Gedanken verschwenden. Das Land werde sich jedenfalls sehr bald bei der FIFA und der UEFA um die Mitgliedschaft bewerben.

In Montenegro sollen zwei Ligen zu je zwölf Klubs gebildet werden. Dazu soll es noch drei Regionalligen geben. Savicevic will auch künftig Präsident des montenegrinischen Fußballverbandes bleiben. Ein Traineramt, etwa den Posten des montenegrinischen Teamchefs, strebt er nach eigenen Angaben nicht an. Der 39-Jährige muss nach seinem schweren Verkehrsunfall im September vergangenen Jahres noch immer physikalische Therapien über sich ergehen lassen. "Mir geht es aber schon sehr gut", zeigt sich der einstige Weltklassekicker zufrieden.

"Gäbe es Jugoslawien noch, wären wir weit oben"
Etwas wehmütig klingt er, als er auf das "alte Jugoslawien" angesprochen wird. "Wir hatten 1990 bei der WM in Italien großes Pech, als wir im Elfmeterschießen gegen Argentinien ausschieden", erinnert er sich an die unglückliche Niederlage im Viertelfinale. Die WM 1990 war der letzte große Fußball-Auftritt Jugoslawiens. Zwei Jahre später, als die Mannschaft unter Ivica Osim am Höhepunkt war, wurde sie wegen der politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen unmittelbar vor der EM 1992 in Schweden ausgeschlossen. "Dort hätten wir sicher viel erreichen können. Wir hatten eine sehr gute Truppe mit fantastischen Spielern."

Wo heute ein Land Jugoslawien im Welt-Fußball stehen würde? "Ich bin sicher, wir wären ziemlich weit oben", sagt Savicevic, der 56 Mal für Jugoslawien spielte und dabei 29 Tore erzielte, und fügt hinzu: Durch die Kriege in Ex-Jugoslawien in den 90er Jahren "war meine Generation sehr gehandicapt".
(apa/red)

5.6.2006 11:59