Sonntag, 11. Juni 2006

Wenn ein Remis so viel zählt wie ein Sieg: Trinidad begeistert mit 0:0 gegen Schweden

  • Taktische Meisterleistung von Trainer Leo Beenhakker
  • Erster Antritt bei WM endet gleich mit erstem Punkt

Auch ein 0:0 kann für Riesenbeisterung sorgen. Die Nullnummer gegen Schweden im ersten WM-Match der Geschichte wurde von Trinidad und Tobago am Samstag in Dortmund fast schon wie ein Finaltriumph gefeiert. "Hut ab" vor Trinidad-Teamchef Leo Beenhakker hieß es im Anschluss, denn der niederländische Trainerfuchs holte das Sensationsremis nicht nur mit dem Glück des Tüchtigen ("Ich kann nichts dafür, dass sie nicht ins Tor getroffen haben"), sondern auch mit einer taktischen Meisterleistung.

Nach dem Match nutzte Beenhakker gleich die erste Gelegenheit, um mit so genannten Fachleuten aus aller Welt abzurechnen. "Viele stellten vor der WM die Frage: 'Was sucht ein Team wie Trinidad bei einer WM?'. Aber wir reden über Fußball und nicht über Mathematik. Im Fußball ist zwei plus zwei fast nie vier, sondern immer drei oder fünf. Im Fußball ist alles möglich."

Die erste Überraschung in der Elf aus der Karibik war noch eine unfreiwillige. Bei Tormann Kelvin Jack (FC Dundee) wurde beim Aufwärmen eine Wadenverletzung wieder akut, für ihn sprang "eins vor Zwölf" (Beenhakker) der 37-jährige Shaka Hislop (West Ham) in die Bresche. "Es ist großartig, wenn man in so einer Situation auf einen derart routinierten Mann zurückgreifen kann. Shaka hat völlig entspannt reagiert und dann eindrucksvoll gezeigt, dass er bereit ist."

Goalie und Abwehr ließen Schweden verwzeifeln
Dass sich die Schweden die Zähne ausbissen, lag aber nicht nur am tollen Goalie, sondern auch an der leidenschaftlich kämpfenden Abwehr der Trinis. Beenhakker rief in diesem Zusammenhang dazu auf, die Klubs der schwedischen Offensivabteilung mit denen seiner Defensive zu vergleichen.

Der Underdog begann nach dem Ausfall von Marvin Andrews (Glasgow Rangers) mit Verteidigern von Gillingham/ENG (Brent Sancho), San Juan Jabloteh/TRI (Cyd Gray), New England Revolution/USA (Avery John, sah nach 35 Sekunden der zweiten Hälfte Gelb-Rot) und Wrexham/WAL (Dennis Lawrence), die Schweden mit Offensivkräften von Juventus (Zlatan Ibrahimovic), FC Barcelona (Henrik Larsson), Arsenal (Freddie Ljungberg) und Anderlecht (Christian Wilhelmsson).

Für seinen Starspieler Dwight Yorke hatte Beenhakker diesmal eine neue Aufgabe, der Stürmer spielte im Mittelfeld und fungierte dort als umsichtiger Ballverteiler. "Dwight ist im Gegensatz zu den meisten anderen ein routinierter Spieler. Ich wusste, dass die Atmosphäre einigen in der Anfangsphase ordentlich zusetzen würde."

Beenhakker über seine Auswechslung "belustigt"
Den ungewöhnlichsten Schachzug legte Beenhakker aber kurz nach der Pause hin. Nach dem Ausschluss von Verteidiger John brachte er Cornell Glen - einen zweiten Stürmer. "Lustig, nicht wahr?", musste der Teamchef nach Abpfiff selbst ein wenig lachen. "Aber ich glaube; jeder hat gesehen, was die Folge war", spielte Beenhakker darauf an, dass der wie sein Sturmpartner John Stern pfeilschnelle Glen wenige Minuten später den Ball an die Latte knallte.

"Ich brachte einen zweiten Stürmer und die Schweden bewachten Glen und John dann mit fünf Mann. Genau das wollte ich damit erreichen. Wundervoll, dass es geklappt hat." Vom schönsten Erfolg seiner Fußball-Karriere zu sprechen, sei zwar deutlich übertrieben ("Ich habe in 42 Jahren schon einiges erleben dürfen"), aber die Arbeit mit dem kleinsten WM-Starter aller Zeiten macht sichtlich Spaß. "Wir haben ein fantastisches Klima. Es ist schön mit diesen Leuten zu arbeiten."

Beenhakker war u.a. als Coach vom niederländischen Nationalteam sowie Real Madrid, Ajax oder Feyenoord tätig. Auch der nächste Gegner in der Vorrunden-Gruppe B hat es mächtig in sich, am Donnerstag geht es in Nürnberg gegen England. "Die Arbeit Richtung England hat schon begonnen. Das 0:0 gegen Schweden ist keine Garantie für irgendetwas."
(apa/red)

11.6.2006 12:42