Montag, 5. Juni 2006

Offizieller Bericht zu London-Anschlägen veröffentlicht: Kritik an Krisenmanagement

  • Kommunikationsprobleme behinderten Reaktion
  • Notfallpläne wurden Opfer-Bedürfnissen nicht gerecht

Ein unzureichendes Krisenmanagement und Kommunikationsprobleme haben die Reaktion der Londoner Rettungskräfte auf die Terroranschläge vom Juli 2005 drastisch behindert. Zu diesem Schluss kommt ein offizieller Untersuchungsbericht. Die Notfallpläne seien den Bedürfnissen vieler Opfer nicht gerecht geworden. Der 700-seitige Bericht eines Ausschusses der London Assembly beruht auf Befragungen von Überlebenden und Einsatzkräften.

"Die Londoner Notfallpläne wurden getestet, geübt und verfeinert, aber am 7. Juli wurde deutlich, dass sie den Bedürfnissen vieler Einzelpersonen, die von den Anschlägen getroffen wurden, nicht gerecht wurden", sagte der Ausschussvorsitzende Richard Barnes. "Sie waren auf Ereignisse und nicht auf Einzelpersonen zugeschnitten, auf Prozesse und nicht auf Menschen." Bei den Anschlägen auf drei U-Bahnen und einen Doppeldecker-Bus rissen die vier Selbstmordattentäter 52 Personen mit sich in den Tod. Rund 700 Menschen wurden verletzt.

Der Ausschuss der Londoner Legislativbehörde verwies auf das Chaos, das entstanden sei, nachdem die Polizei der britischen Hauptstadt am 7. Juli für mehrere Stunden die Mobilfunknetze unterbrochen habe. So hätten Retter auf der Straße keinen Kontakt zu ihren Kollegen in der U-Bahn aufnehmen können. Auch die Rettungswagen seien auf das Mobilfunknetz angewiesen und nach der Abschaltung des Netzes praktisch isoliert gewesen. Barnes erklärte, etwa 60 Einsatzfahrzeuge seien nicht mehr zu erreichen gewesen.

Tausende Menschen hätten nach den Anschlägen nicht mit ihren Angehörigen sprechen können, hieß es in dem Bericht weiter. Auch Mitarbeiter von Krankenhäusern seien auf mündliche Kommunikation angewiesen gewesen; die Verletzten seien deswegen sehr ungleichmäßig auf die einzelnen Kliniken verteilt worden.

Einige der Probleme waren nach Angaben des Ausschusses schon seit 20 Jahren bekannt, aber noch immer nicht gelöst. Besonders das Problem der Kommunikation sei nach einem Feuer in der Station King's Cross 1978 deutlich geworden. Damals waren 27 Menschen ums Leben gekommen. Barnes erklärte, trotz aller Kritik seien Fortschritte erzielt worden. London sei heute sicherer als am Tag der Anschläge.

(apa/red)

5.6.2006 20:09