Dienstag, 30. Mai 2006

Gewaltspirale dreht sich weiter: Fast
50 Tote bei Bombenanschlägen im Irak

  • Mehr als hundert Verletzte nach Detonationen

Bei drei Bombenanschlägen sind am Dienstag im Irak nach Polizeiangaben fast 50 Menschen getötet worden. Mehr als hundert Menschen wurden verletzt. Bei der Explosion einer Autobombe auf einem Markt nördlich von Bagdad wurden mindestens 25 Menschen getötet und 65 teilweise schwer verletzt, wie das Innenministerium mitteilte. Der Anschlag ereignete sich in der überwiegend von Schiiten bewohnten Ortschaft Husseiyniyah, rund 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt. Am Tatort wurde noch ein weiterer Sprengsatz gefunden und rechtzeitig entschärft.

In einer Bäckerei im Osten Bagdads wurden neun Menschen bei einer Bombenexplosion getötet und zehn weitere verletzt. Der genaue Hergang wurde noch untersucht. Zuvor waren bei einem Bombenanschlag in der Stadt Hilla mindestens zwölf Menschen ums Leben gekommen und mehr als 30 verletzt worden.

In Bagdad griffen Aufständische das streng gesicherte Innenministerium mit Mörsergranaten an. Dabei wurden zwei Menschen getötet und fünf verletzt. Bei der Explosion einer Autobombe wurde in Bagdad zudem ein Polizist getötet. Im Stadtgebiet fand die Polizei vier Leichen mit gefesselten Händen. Die Männer waren gefoltert und dann mit einem Kopfschuss getötet worden.

Die sich weiter verschlechternde Sicherheitslage im Irak war am Dienstag abermals das Hauptthema von Beratungen der irakischen Regierung. Mehr als eine Woche nach deren Vereidigung sind die wichtigen Ämter des Innen- und des Verteidigungsministers noch nicht besetzt, was Beobachtern zufolge zur Eskalation des Aufstands beigetragen hat. Nach jüngsten Regierungsvereinbarungen soll das Innenressort an einen Schiiten gehen, während ein sunnitischer Araber für die Landesverteidigung zuständig sein soll. Mit dieser Balance hofft man, die Lage in den Griff zu bekommen.

Die am Montag bei einem Bombenanschlag schwer verletzte US-Journalistin Kimberly Dozier wurde inzwischen in das US-Militärkrankenhaus in Landstuhl in der Pfalz in Deutschland gebracht. Der Zustand der Korrespondentin des Senders CBS wurde als stabil beschrieben. Bei dem Anschlag waren ihr Kameramann und der Toningenieur getötet worden.

Die USA kündigten unterdessen die Verlegung von 1.500 Soldaten von Kuwait in die irakische Unruheprovinz Anbar an, um dort verstärkt gegen Aufständische vorzugehen. Die Situation in Anbar stelle eine große Herausforderung dar, erklärte Militärsprecherin Michelle Martin-Hing. Der US-Botschafter im Irak, Zalmay Khalilzad, räumte ein, dass Teile von Anbar in den Händen von Aufständischen seien. Seit Ende vergangenen Jahres wurde dort fast ein Dutzend Stammesführer ermordet, die mit den US-Truppen zusammengearbeitet hatten.

Jede Woche werden nach einem Bericht der Tageszeitung "Al-Sabah" 60 bis 100 Opfer von Anschlägen und Morden anonym auf Friedhöfen in Bagdad, Najaf und Kerbala bestattet. Wenn Angehörige die Toten mittels Fotos nachträglich identifizierten, könnten die Familien diese andernorts beerdigen. Insgesamt würden nach Angaben der Behörden täglich 30 bis 50 gewaltsam zu Tode gekommene Iraker in die Leichenhallen des Landes gebracht.

Im Prozess gegen Saddam Hussein beklagte sich die Verteidigung unterdessen am Dienstag darüber, dass sie nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Staatsanwaltschaft habe, ihre Zeugen zu Wort kommen zu lassen. Einer dieser Zeugen überraschte das Gericht am Dienstag mit der Darstellung, dass zahlreiche Schiiten, deren Tod den Angeklagten zur Last gelegt werde, noch am Leben seien. Der Vorsitzende Richter Raouf Abdel Rahman ordnete eine Untersuchung an.

(apa)

30.5.2006 21:10