Dienstag, 30. Mai 2006

Lage in Afghanistan eskaliert weiter: Drei Mitarbeiterinnen von "Action Aid" ermordet

  • Armeepanzer besetzen wichtige Punkte der Haupstadt
  • Taliban riefen "Heiligen Krieg" gegen US-Truppen aus

Mit den schwersten Zusammenstößen in Kabul seit dem Sturz des Taliban-Regimes hat sich die Lage in Afghanistan deutlich verschlechtert. So wurden im Norden des Landes drei afghanische Mitarbeiterinnen der internationalen Hilfsorganisation "Action Aid" mit ihrem Fahrer erschossen. Die Frauen befanden sich auf dem Weg nach Shiberghan, als ihr Wagen von Motorrädern überholt wurde. Im Vorbeifahren wurde das Feuer auf sie eröffnet. Action Aid ist eine Organisation zur Bekämpfung der Armut und seit 2002 in Afghanistan aktiv. NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer warnte unterdessen vor einem Scheitern der westlichen Afghanistan-Befriedungsmission. Diese sei "absolut vital", erklärte er vor der NATO-Parlamentarierversammlung in Paris.

Mehrere tausend Soldaten haben an wichtigen Stellen der afghanischen Hauptstadt Stellung bezogen und so nach den schweren Unruhen vom Vortag wieder für Ruhe auf den Straßen gesorgt. Ausländer, die am Montag oft Ziel von Angriffen aufgebrachter Menschen wurden, waren in der Vier-Millionen-Stadt nicht zu sehen. Zur Eindämmung der Unruhen hatte die Regierung ein nächtliches Ausgehverbot verhängt. Präsident Hamid Karzai sagte am Montagabend in einer im Staatsfernsehen übertragenen Ansprache, die Randalierer würden verfolgt und bestraft. Die Aufrührer seien "Opportunisten und aufständische Elemente" gewesen, die einen Verkehrsunfall zum Vorwand genommen hätten, um das Land zu zerstören. Afghanistan werde das unter keinen Umständen dulden. Hunderte Menschen hatten gegen die USA und die afghanische Regierung demonstriert, Autos in Brand gesetzt und Büros von Hilfsorganisationen gestürmt.

"Heiliger Krieg" ausgerufen
"Die Streitkräfte kontrollieren die Stadt", sagte ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums, Zahir Asimi. "Wir haben erstmals Panzer in der Stadt. Alles ist ruhig." Ein Geschäftsinhaber, dessen Laden geplündert wurde, zeigte sich empört: "Wo waren all die Sicherheitskräfte gestern? Ich habe tausende Dollar an Waren verloren", erklärte Azadullah Khelsea. Die Regierung machte Anhänger der Taliban für die Unruhen verantwortlich. Die Taliban haben zum "Heiligen Krieg" gegen die rund 30.000 ausländischen Soldaten im Land und gegen die pro-westliche Karzai-Regierung aufgerufen.

Am Vortag hatte ein US-Soldat die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren und ein Dutzend Fahrzeuge gerammt. Dabei starben mindestens fünf Afghanen. Wütende Menschen bewarfen den Militärkonvoi mit Steinen, worauf die Soldaten nach Angaben des US-Militärs in die Luft schossen. Hinzugeeilte afghanische Polizisten schossen ebenfalls.

Caritas schließt Büro
Die deutsche Caritas hat nach den Unruhen ihr Büro in der afghanischen Hauptstadt vorübergehend geschlossen. Für die Mitarbeiter sei die Arbeit "nur noch sehr eingeschränkt möglich", berichtete der Leiter des Büros, Timo Christians. In dem Kabuler Büro waren vier deutsche und 13 afghanische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Nach Angaben von Christians ist die Situation so angespannt, dass man sich verschanzen müsse. Die jüngsten Vorfälle seien ein deutlicher Hinweis darauf, wie labil die Lage in Afghanistan sei. Die europäische Ländern sollten auf weitere Ausweisungen von afghanischen Flüchtlingen verzichten, forderte der Caritas-Leiter.

Der künftige Kommandant der internationalen Schutztruppe in Nordafghanistan, der deutsche General Markus Kneip, räumte am Dienstag im Deutschlandfunk ein, dass sich die Lage besonders im Süden und im Osten des Landes verschlechtert habe. Die deutsche Bundeswehr verlegt den Schwerpunkt ihres Einsatzes derzeit in den Norden von Afghanistan nach Mazar-i-Sharif. (APA/red)

30.5.2006 13:48