Dienstag, 30. Mai 2006

Kein Heine-Preis an Handke: SPD, FDP und Grüne werden die Verleihung verhindern!

  • Düsseldorf stellt das Preisgeld nicht zur Verfügung
  • "Autoritärem, verbrecherischem Regime angedient"
    Literaturnobelpreisträgerin Jelinek "sehr entsetzt"

Die geplante Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an Peter Handke findet voraussichtlich nicht statt: Die Fraktionen von SPD, FDP und Grünen im Düsseldorfer Stadtrat haben sich darauf verständigt, die Vergabe der Auszeichnung an Handke zu verhindern. Während Peter Handke diese Entscheidung nicht kommentieren wollte, war die Empörung unter österreichischen Schriftsteller-Kollegen wie Elfriede Jelinek, Robert Menasse und Marlene Streeruwitz im Gespräch mit der APA groß.

"Wir werden das Geld nicht zur Verfügung stellen", hatte Manfred Neuenhaus, Geschäftsführer der FDP-Ratsfraktion, in Düsseldorf angekündigt. Auch in der CDU-Fraktion wird es laut Bürgermeister Dirk Elbers keine Mehrheit für Handke geben. "Wir sind der Auffassung, dass Handke sich mit seinem öffentlichen Verhalten einem autoritären, verbrecherischen Regime angedient hat", sagte Neuenhaus. Mit überlieferten Äußerungen Handkes zum Balkankrieg wie "Die NATO hat kein Auschwitz verhindert, sondern eines geschaffen" sei aus FDP-Sicht eine Grenze erreicht. Das Jury-Votum für Handke sei ein Fehler gewesen, meinte Neuenhaus.

Jelinek zeigt sich "sehr entsetzt"
"Sehr entsetzt" zeigte sich Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einer ersten Reaktion: "Ich finde es absurd. Diese Entscheidung steht dem Stadtrat nicht zu. Schließlich hat ja eine Jury entschieden. Die sind ja auch keine hilflosen Kinder, die sich dominieren lassen", so Jelinek, die schon vor Bekanntwerden dieser Entscheidung auch eine Stellungnahme auf ihrer Website veröffentlicht hat. Auch Robert Menasse sieht einen "unglaublichen Skandal": "Damit üben sich die Politiker genau in jenem Autoritarismus, den sie Handke unterstellen."

Auch die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz nannte den Beschluss des Düsseldorfer Stadtrates "Parteipolitik auf Kosten der Literatur". Es sei "das Ende der Kunst, wie wir sie kennen, das Ende der Aufklärung", so die Autorin im APA-Gespräch. Neben der "Provinzialisierung Düsseldorfs" befürchtet Streeruwitz auch ein "Preisträger-Design" für Politiker. Für einen "glasklaren Fall von Zensur" hält Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autoren, die Entscheidung. "Ich halte dieses Vorgehen für klagfähig", so Ruiss. "Es handelt sich um eine unabhängige Jury-Entscheidung, die nicht im Sinne des Geldgebers ist." 60 Jahre nach der Gesetzeskonstituierung in Deutschland gerate das Grundgesetz der Freiheit der Kunst "ins Wanken".

"Verfolgt Weg zu einer offenen Wahrheit"
Die für den 13. Dezember geplante Vergabe des mit 50.000 Euro dotierten Heine-Preises an den wegen seiner pro-serbischen Haltung in der Kritik stehenden österreichischen Autor hätte in der Ratssitzung am 22. Juni vom Stadtparlament bestätigt werden müssen. Eine unabhängige Jury aus Literaturexperten, Mitgliedern des Stadtrates und einem Vertreter des Landes hatte zuvor für Handke als Preisträger votiert. "Eigensinnig wie Heine verfolgt Peter Handke in seinem Werk seinen Weg zu einer offenen Wahrheit", hieß es zur Begründung.

"Politischer, kein Literaturpreis"
Der Heine-Preis ist "eindeutig ein politischer, kein Literaturpreis", begründete Karin Trepke, Geschäftsführerin der Düsseldorfer Ratsfraktion der Grünen, das "einhellig" ablehnende Votum ihrer Partei. Grund: "Der Preis kann nicht an jemanden verliehen werden, der sich wie Handke in die Nähe Slobodan Milosevics begeben hat." Nach Vorstellungen der SPD-Ratsfraktion wird es in diesem Jahr keinen Heine-Preis geben. Die FDP möchte das diesjährige Preisgeld im Geiste des "in der Pariser Matratzengruft armen Heine" an die Deutsche Künstlerhilfe stiften. Den Preis statt Handke einem anderen Autor zu zuerkennen - etwa dem diesjährigen Konkurrenten Amos Oz oder Irene Dische -, kommt aus Sicht von CDU und FDP nicht in Frage. Gemeinsame Befürchtung: Die Ausgezeichneten könnten das Gefühl haben, "zweite Wahl" zu sein.

Kunert droht mit Rückgabe seines Preises
Der Autor Günter Kunert, der die Auszeichnung 1985 bekam, kündigte unterdessen im Deutschlandradio Kultur an, über eine Rückgabe nachzudenken, sollte der Preis 2006 an Handke verliehen werden. Die Auszeichnung für den Autor sei eine "Groteske", sagte der Schriftsteller. Er begreife nicht, wie Menschen nach der deutschen Geschichte mit Handke den "Barden eines Diktators" preisen könnten. Robert Menasse dazu: "Günter Kunert darf den Preis ruhig behalten, der passt dazu. Denn nach dieser Demonstration ist fraglich, ob Heine selbst seinen Preis je bekommen hätte." (apa/red)

30.5.2006 16:40