Freitag, 2. Juni 2006

'Studentisches Schlaraffenland gab's nie': Hochschülerschaft begeht 60. Geburtstag

  • Ex-Studentenpolitiker Heinz Fischer bei Festakt dabei
  • 1946 fanden erste Höchschülerschafts-Wahlen statt

Mit einem Symposium an der Wiener Musikuniversität hat die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) ihr 60-Jahr-Jubiläum begangen. Zwar fanden die ersten ÖH-Wahlen erst im November 1946 statt, die Feierlichkeiten dazu sollten aber nicht mit dem Nationalratswahlkampf kollidieren. Die stellvertretende ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha (Verband Sozialistischer StudentInnen/VSStÖ) appellierte trotz zahlreicher verlorener Schlachten in letzter Zeit an die Ausdauer und den "langen Atem" ihrer Mitstreiter: "Das studentische Schlaraffenland gab es noch zu keiner Zeit."

Die Feierstunde war mit ehemaligen Studentenpolitikern hochkarätig besetzt: Unter anderem gaben sich Bundespräsident Heinz Fischer, die ehemaligen SPÖ-Minister Ferdinand Lacina und Rudolf Streicher, SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal, die Grünen-Politiker Kurt Grünewald, Karl Öllinger und Maria Vassilakou sowie der kaufmännische Direktor der ORF, Alexander Wrabetz, die Ehre. Außerdem mit dabei waren die ehemaligen ÖH-Chefs aus den Anfängen sowie der jüngsten Zeit wie Günther Wiesinger (1954/55), Norbert Burda (1951-54) oder Thomas Frad (1991-93), Wolfgang Gattringer (1997-99), Agnes Berlakovich (1995-97) und Andrea Mautz (2001-03) sowie der Hochschulsektions-Chef im Bildungsministerium, Friedrich Faulhammer, und dessen Vorgänger Sigurd Höllinger.

Auch Bundespräsident blickt auf ÖH-Vergangenheit zurück
Von der ÖH-Arbeit geprägt wurde etwa Fischer: "Ich kann nicht leugnen, dass die ÖH und die Arbeit dort mich bleibend begleitet haben". Von den 60 Jahren hat er die ÖH 50 Jahre lang begleitet - in unterschiedlichen Perspektiven: als Student ab 1956, als Mandatar ab 1959 und schließlich als Wissenschaftsminister in den 80er Jahren. In letzterer Funktion habe er natürlich auch "hie und da Konflikte mit den Studentenvertretern gehabt". Das Phänomen der Geldknappheit habe es schon damals - trotz zum Teil acht- bis zehnprozentiger Budgetsteigerungen - gegeben.

Kritik übte Fischer an der Änderung des Hochschülerschaftsgesetzes und der damit verbundene Abschaffung der Direktwahl der ÖH-Bundesvertretung durch die derzeitige Regierung: Natürlich könne auch eine ÖH reformiert werden. Dies müsse aber möglichst im Konsens mit ihr durchgeführt werden - Gleiches gelte für Reformen anderer gesetzlicher Körperschaften wie der Landwirtschafts- oder der Arbeiterkammer.

Blaha zeigte sich trotz der Niederlagen in den vergangenen Jahren zuversichtlich: "Lasst mich eines sagen: Die ÖH hat die Abschaffung der Studiengebühren einmal durchgesetzt. Und wir werden es wieder tun." Die "unzähligen kleinen und großen Verbesserungen" in den vergangenen Jahrzehnten wie die Gründung der Mensen oder die Einführung der studentischen Krankenversicherung seien nicht einfach gewesen und nicht von heute auf morgen gegangen.

Wiesinger wiederum riet der ÖH zu einer Verbesserung der Öffentlichkeitsarbeit und der öffentlichen Darstellung der Studenten. Er habe heute im Gegensatz zu früher das Gefühl, dass die Österreicher glauben, "ihre" Akademiker nicht zu brauchen.

Einig waren sich die ehemaligen Studentenpolitiker über die Nützlichkeit ihrer ÖH-Erfahrungen. Die Grüne Klubobfrau im Wiener Rathaus, Maria Vassilakou, die in ihrer Zeit als ÖH-Generalsekretärin (1995-97) vor allem erfolglos für das Wahlrecht ausländischer Studenten gekämpft hat, erinnerte sich an das Sitzfleisch-Training dabei und kann etwa heute noch quer durch alle Fraktionen erkennen, wer durch die ÖH-Schule gegangen sei. Und Wiesinger fasste die sentimentale Stimmung zusammen: "Die ÖH gibt uns mehr, als wir der ÖH geben können." (APA/red)

2.6.2006 09:17