Donnerstag, 1. Juni 2006

"Dramatische Situation": Caritas schlägt wegen steigender Armut in Österreich Alarm

  • Betreuungsfälle haben sich um zehn Prozent erhöht
  • Küberl: Dauer bei Asylverfahren ist noch zu lang

Die Caritas schlägt Alarm in Sachen Armut. "Wir hatten 2005 leider um zehn Prozent mehr Leute wegen Armutsgefährdung in Betreuung", so Caritas-Präsident Franz Küberl. Er spricht von über 45.000 Fällen, die sich Hilfe suchend an eine Betreuungsstelle der Hilfsorganisation wandten: "Die Menschen bringen auch mehr Probleme mit: Arbeitslosigkeit, steigende Wohnungskosten, existenzielle Sorgen."

Küberls ernüchternde Bilanz: "Armut ist nach wie vor im Steigen. Wir befinden uns in der dramatischen Situation, dass Armut und Reichtum zugleich steigen." Die Beschäftigungsinitiativen des Bundes bringen zwar eine "zarte Entlastung", es brauche aber Formen einer "bedarfsgerechten Existenzsicherung" sowie eine Reform der Sozialbürokratie. "Wir müssen die Lücken im Sozialnetz im Bereich der Ärmsten schließen", sagte Küberl. Rund 460.000 Menschen leben in Österreich in akuter Armut

Eine positive Bilanz schloss Küberl indes über die "Rückkehrhilfe" der Caritas. In diesem Projekt, das in Kooperation mit dem Innenministerium sowie der Europäischen Union läuft, unterstützt die Caritas abgelehnte Asylwerber und Menschen, die über keine gültige Aufenthaltsgenehmigung und damit kein Zukunftsperspektive in Österreich verfügen, bei der Rückkehr in ihre Heimat. "In den letzten fünf Jahren haben wir über 5.000 Personen geholfen, in ihre Heimat zurückzukehren. Die allermeisten bleiben auch daheim", so Küberl.

Die "Rückkehrhilfe" der Caritas gilt deshalb als eines der "best practice Modelle" in der EU. Bei anderen EU-Initiativen würden sich bis zu 80 Prozent der Rückkehrer neuerlich auf den Weg in einen EU-Staat machen. Der Erfolg des Caritas-Modells basiert laut Küberl auf den Prinzipien Freiwilligkeit, klaren Perspektiven für einen Neustart und dem Fokus auf der beruflichen und familiären Re-Integration. Dazu komme geringfügige finanzielle Hilfe: "Keine großen Beträge, ein paar hundert Euro."

"Große Probleme" sieht der Caritas-Präsident beim Asylverfahren. Hauptkritik: "Die Verfahren in der ersten Instanz dauern immer noch viel zu lange. Die Vorladung zum Erstinterview dauert derzeit sechs bis zwölf Monate. Wir hoffen, ersuchen, bitten, drängen, dass die Verfahren endlich qualitätsvoll beschleunigt werden." Küberl wünscht sich dazu von Innenministerin Liese Prokop einen Bericht darüber, wie eine Verfahrensbeschleunigung in der nötigen Qualität organisiert werden kann.

(apa/red)

1.6.2006 13:57