Mittwoch, 24. Mai 2006

Ende aller Energiesorgen? Startschuss für Bau eines Kernfusionreaktors in Frankreich

  • Ambitioniertes Projekt kostet 10 Milliarden Euro
  • EU, USA, Russen, China, Indien, Japan & Korea dabei

Nach rund 40 Jahren Kernfusions-Forschung ist der Startschuss für den Bau des weltweit ersten Versuchsreaktors im großen Maßstab gefallen. Vertreter der Europäischen Union, der USA, Russlands, Chinas, Indiens, Japans und Südkoreas unterzeichneten in Brüssel ein Grundsatzabkommen, mit dem die gemeinsame Finanzierung für den Bau des Versuchsreaktors in Cadarache im Südosten Frankreichs vereinbart wird.

Die Kosten für Errichtung und Betrieb liegen bei 9,5 Mrd. Euro. Das Forschungsvorhaben stellt damit das größte Projekt wissenschaftlicher Zusammenarbeit weltweit dar. Etwa 2016 soll der Kernfusionsreaktor - genannt Iter (International Thermonuclear Experimental Reactor) - in Betrieb gehen. Die Nutzungsphase wird rund zwanzig Jahre betragen.

"Wir haben heute Geschichte gemacht"
EU-Forschungskommissar Janez Potocnik sagte bei der Unterzeichnung: "Wir haben heute Geschichte gemacht." Die unterzeichnenden Staaten repräsentierten die halbe Weltbevölkerung. Es sei das erste Mal, dass die Welt ihre Ressourcen auf diese Art vereine. Das Forschungsvorhaben selbst habe das Potenzial, sämtliche Energieprobleme der Welt auf umweltfreundliche Art zu lösen.

Das notwendige Ausgangsmaterial Wasserstoff sei reichlich und überall vorhanden. Weder das Anfangs- noch das Endprodukt sei radioaktiv und anders als der Kernspaltungsreaktor könne ein Fusionsreaktor auch nicht explodieren, weil der Fusionsprozess beendet werde, sobald man die Energiezufuhr stoppe.

"Wenn wir die erhofften Antworten bekommen, ist das von unabschätzbarem Wert", so Potocnik, der damit auch die hohen Kosten rechtfertigte. "Es ist es wert, so viel zu investieren. Die Kosten sind hier relativ", meinte der EU-Kommissar.

EU zahlt Löwenanteil
Nach der jetzigen Vereinbarung zahlt die EU von den 4,57 Mrd. Euro Errichtungskosten rund 40 Prozent aus dem Gemeinschaftsbudget. Weitere zehn Prozent kommen direkt aus Frankreich und ebenfalls jeweils zehn Prozent tragen die USA, Russland, China, Indien, Japan und Südkorea bei. Dadurch ergibt sich eine Überdeckung von 10 Prozent, die als Finanzierungsreserve dienen soll. Von den weiteren 5 Mrd. Euro Kosten, die der Betrieb kosten wird, deckt die EU 34 Prozent sowie Frankreich direkt acht Prozent, die USA und Japan jeweils 13 Prozent und die übrigen Staaten jeweils rund zehn Prozent ab.

Dieses Abkommen muss jetzt von allen Teilnehmern noch ratifiziert werden. Für die EU wird der Rat der Mitgliedstaaten die Finanzierungsvereinbarung im November absegnen. Bis Jahresende soll dann die endgültige Unterzeichnung erfolgen. Der EU-Beitrag zu den Errichtungskosten ist im 7. EU-Forschungsrahmenprogramm aber schon reserviert.

Großes Forschungsnetzwerk
Abgesehen von einem kleinen Teil, der nach Japan fließt (als Entschädigung dafür, dass der Forschungsreaktor in Europa stehen wird, Anm.), sollen die EU-Gelder an europäische Forschungseinrichtungen und Unternehmen zurückfließen. Ein Forschungsnetzwerk aus 2.000 Physikern und Ingenieuren, in das weitgehend alle EU-Staaten (ausgenommen Estland, Litauen, die Slowakei, Malta und Zypern) sowie die Schweiz und Rumänien eingebunden sind, besteht bereits. Auch Österreich wird von den Projekt profitieren. Allerdings müssen die Aufträge noch ausgeschrieben werden.

Potocnik betonte, dass das Forschungsprojekt auch noch weiteren Staaten offen stehe. Allerdings müsste jedes Land, das sich der internationalen Forschungsgemeinschaft anschließe, beweisen, dass es in der Lage sei, einen signifikanten Beitrag zu leisten.

(apa/red)

24.5.2006 14:19