Samstag, 27. Mai 2006

Michelin-Chef bei Angelausflug ertrunken: Atlantik verschluckt den Reifen-Magnaten

  • Firmenimperium mit 130.000 Beschäftigten geleitet

Der Ko-Chef des weltgrößten Reifenherstellers "Michelin", Edouard Michelin, ist bei einem Angelausflug vor der bretonischen Küste ertrunken. Das Unternehmen mit 130.000 Mitarbeitern werde vorerst vom zweiten Ko-Vorsitzenden Michel Rollier allein geführt, teilte die Unternehmensgruppe Groupe Michelin mit. Die Nachricht vom Tod des Firmenerben löste in Frankreich Trauer und Bestürzung aus. Staatspräsident Jacques Chirac würdigte Michelins Verdienste ebenso wie zahlreiche Vertreter von Verbänden.

Der 43-Jährige war mit dem Präsidenten des Fischereiverbands von Audierne, Guillaume Normant, in einem 8,50 Meter langen Boot zum Angeln ausgefahren. Seine Leiche wurde etwa zehn Kilometer nördlich der Insel Sein aus dem Meer geborgen. Nach Normant und dem Wrack des Bootes wurde weiter gesucht. Das Meeresgebiet gilt wegen seiner Riffe und unberechenbaren Strömungen als tückisch. Zur Zeit des Unglücks war die See ruhig, doch es herrschte dichter Nebel.

Michelin hatte die Pariser Elite-Ingenieursschule Ecole Centrale absolviert und war mit 22 Jahren in das Imperium seines Vaters eingetreten - der Kautschuk-Konzern wurde 1831 von der Familie gegründet. Gemäß der Familientradition hatte er zuerst am Band gearbeitet, bevor er Managementpositionen übernahm. Nach 21 verschiedenen Posten wurde er 1999 als Nachfolger seines Vaters Vorstandschef. Der Vater von sechs Kindern beherrschte mit seinem in 170 Staaten tätigen Unternehmen 20 Prozent des weltweiten Reifenmarktes. Im ersten Quartal 2006 stieg der Umsatz um gut zehn Prozent auf vier Milliarden Euro. 2005 setzte Michelin 15,6 Milliarden Euro um und verdiente netto 889 Millionen Euro. Pro Jahr fertigt Michelin 180 Millionen Reifen. Der Konzern ist auch für seine Straßenkarten und Gourmet-Führer bekannt.

Edouard Michelin galt als tiefgläubiger Christ, der gregorianische Gesänge und das Wandern liebte. Auch das Meer zählte zu seinen Leidenschaften. Michelins Tod versetze die französische Wirtschaft in "Trauer", sagte Chirac. Der Tote sei ein "außergewöhnlicher Unternehmenschef" gewesen und habe eine Tradition verkörpert, auf die Frankreich stolz sein könne.

Premierminister Dominique de Villepin erklärte, Michelin habe sein Unternehmen an "die wirtschaftlichen Herausforderungen von morgen" anzupassen gewusst, in seinem Berufsleben aber auch "humanistische Werte" verkörpert. Auch Arbeitgeberpräsidentin Laurence Parrisot und der Chef des Automobilherstellers Renault, Carlos Ghosn, würdigten den Toten als herausragende Unternehmerpersönlichkeit.

(apa/red)

27.5.2006 14:25