Sonntag, 28. Mai 2006

36 Verletzte bei Berliner Amoklauf: Nach Aids-Warnung meldeten sich weitere Opfer

  • Ansteckungsgefahr ist laut Experten nicht sehr hoch
  • Ermittler suchen nach einem Motiv des 16-Jährigen

Nach dem blutigen Amoklauf von Berlin suchen die Ermittler mit Hochdruck weiter nach dem Motiv des Täters. Unterdessen stieg die Zahl der Verletzten weiter auf 36. 31 hätten Stich- und Schnittwunden erlitten, fünf seien von dem Jugendlichen geschlagen worden, sagte der Leiter der ermittelnden Mordkommission, Klaus Ruckschnat.

Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass der 16-Jährige zum Tatzeitpunkt unter Drogen gestanden sei, sagte Ruckschnat. Aber der Schüler aus dem Problembezirk Neukölln sei sehr betrunken gewesen. Unter Alkoholeinfluss habe er bereits mehrfach aggressiv reagiert. Was den 16-Jährigen zu der Bluttat veranlasst habe, sei weiter völlig unklar, sagte Ruckschnat.

Haftbefehl: Versuchter Mord in 24 Fällen
Der Teenager sitzt nach Erlass eines Haftbefehls in Untersuchungshaft. Ihm wird versuchter Mord in 24 Fällen und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Der Hauptschüler bestritt die Tat und verweigerte nach Angaben der Polizei zunächst jede weitere Aussage.

Der Schüler hatte am späten Freitagabend am Rande der Feierlichkeiten zur Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofs wahllos auf Besucher eingestochen. Am Sonntag schwebte zwar niemand mehr in Lebensgefahr. Allerdings bangen viele Betroffene weiter: Eines der ersten Opfer war mit dem Aids-Erreger infiziert.

Sicherheitsdebatte losgetreten
Zwei Wochen vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft löste die Bluttat eine neue Debatte über die Sicherheit während der Spiele aus. Die deutsche Bundesregierung und die WM-Organisatoren halten das WM-Sicherheitskonzept allerdings für ausreichend und warnten vor Panik. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte Eingangskontrollen auch bei größeren WM-Veranstaltungen. Zum Eröffnungsfest für den gläsernen Bahnhof waren am Freitagabend mehr als 500.000 Menschen ins Berliner Regierungsviertel gekommen.

Vorsorgliche Therapie gegen HIV-Übertragung
Mindestens 43 Betroffene, darunter auch Ersthelfer vom Tatort, begannen am Wochenende mit einer vorsorglichen Medikamentenbehandlung gegen das Aids-Virus. Ärzte bezeichneten das Infektionsrisiko zwar als gering. Definitiv könne eine HIV-Ansteckung allerdings erst nach sechs Monaten ausgeschlossen werden.

Dem 16-Jährigen droht eine Jugendstrafe von bis zu fünf Jahren Haft. Möglich wäre auch die Einweisung in eine Erziehungsanstalt oder ein psychiatrisches Krankenhaus.

Der Vater des 16-Jährigen wies Äußerungen des Kriminologen Christian Pfeiffer zurück. Dieser hatte kurz nach der Tat erklärt, er könne sich nicht vorstellen, dass der Bursche "aus einer liebevollen Familie kommt, ein ordentlicher Schüler ist und eine Freundin und viele Freunde hat".

Nach den Ermittlungen der Berliner Mordkommission hat der Vater alles getan, "um zu erziehen und darauf einzuwirken, dass seine Kinder auf dem rechten Weg bleiben", sagte Ruckschnat. Er habe auch keine Alkoholexzesse geduldet. Zudem habe der Schüler Freunde und auch eine Freundin gehabt. (apa)

28.5.2006 20:00