Samstag, 20. Mai 2006

Eine Hand voll Leben: NEWS über Frühchen und neue medizinische Quantensprünge

  • 5.500 Babys in Österreich kommen zu früh zur Welt
  • Zwei Drittel überstehen schweren Start ohne Schäden

Sieben Prozent aller Babys werden zu früh geboren. Dank Medizin überleben die meisten ohne Schäden. Neue Erkenntnisse der Neonatologie bedeuten einen medizinischen Quantensprung. NEWS berichtet: So lassen sich Frühgeburten verhindern. Und: Was Frühchen fühlen.

"Du schaffst es" steht auf dem kleinen, beigen Stoffbären, den die Schwestern liebevoll an der Außenwand des Brutkastens befestigt haben. Innen drin, warm eingepackt in Decken und angeschlossen an zahlreiche Kabel, ein kleines Mädchen, das knapp mehr wiegt als ein halber Brotlaib: Nina, geboren in der 23. Schwangerschaftswoche am Wiener AKH. Die bescheidenen Maße des Winzlings: 32 Zentimeter Körperlänge und ein Gewicht von 570 Gramm. Aufgrund einer Muttermundschwäche ihrer Mutter Beatrix S., 33, wurde Nina knapp 17 Wochen zu früh geboren. "Jeder Tag, den sie gut übersteht, ist ein Geschenk", verdeutlicht ihre Mutter die Ausnahmesituation.

5.500 Frühchen pro Jahr
Nina ist eines von rund 5.500 Kindern, die jährlich in Österreich vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Als eine Hand voll Leben, die jedoch dank der modernen Medizin immer bessere Überlebenschancen hat. Die neuesten Erkenntnisse werden von 18. bis 20. Mai in Wien bei der 32. Jahrestagung der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin von 1.500 Experten aus 20 Ländern erörtert. Ein internationaler Austausch, der für die Neonatologie nach wie vor ausgesprochen wichtig ist. Denn: Auch wenn sich in Sachen Frühchenforschung in den vergangenen Jahren viel getan hat - die Anzahl von sehr kleinen Kindern, die vor der 25. Schwangerschaftswoche oder mit einem Gewicht unter 500 Gramm auf die Welt kommen, nimmt aufgrund immer älterer Mütter und vermehrter künstlicher Befruchtungen stetig zu. Diese Kinder stehen oft - trotz modernster Medizin - am Rande der Überlebensfähigkeit.

"Das größte Problem ist die Entwicklung - die Kinder sind noch sehr unreif. Dank des medizinischen Wissens und der modernen Technik können schon Frühgeborene ab der 23. Woche gerettet werden. Darunter ist es nicht möglich - das wird auch in Zukunft nicht der Fall ein. Hier ist die Grenze des Machbaren eindeutig erreicht", berichtet Arnold Pollak, Vorstand der Kinder-und Jugendklinik am Wiener AKH (siehe Interview). Der renommierte Neonatologe und Organisator des Frühchen-Kongresses betont, dass Risikobabys um die 30. Woche oder 1.500 Gramm bereits eine Überlebenschance von 90 Prozent haben. "Mit geringerem Gewicht", so Pollak, "nimmt diese Chance allerdings kontinuierlich ab."

Zwei Drittel aller Frühgeborenen überstehen ihren schwierigen Start ins Leben ohne gesundheitliche Schäden. 15 Prozent erleiden Koordinations-und Sprachschwächen, während bei weiteren 15 Prozent mit schweren Beeinträchtigungen, etwa motorischen Behinderungen, zu rechnen ist.

High Tech im Brutkasten
Bei der Versorgung der kleinen Menschen wird nichts dem Zufall überlassen. Im Gegensatz zu früher gilt heute das Prinzip der Nachhaltigkeit. Das heißt, dass es nicht mehr nur um die Erhaltung der reinen Vitalfunktionen geht. Modernste High-Tech-Medizin soll das Überleben sichern und gleichzeitig Spätschäden so weit wie möglich minimieren. Da frühgeborene Kinder den Wärmehaushalt ihres Körpers schwer kontrollieren können, kommen sie in einen Brutkasten. In einem Umfeld zwischen 29 und 37 Grad Celsius, abhängig von der Konstitution des Kindes, soll eine optimale Reifung des noch "unfertigen" Menschen gewährleistet werden. Elektroden messen die Herzfrequenz des Kindes, während an Hand-oder Fußrücken die Sauerstoffsättigung des Blutes überprüft - und bei kritischen Werten sofort von den Maschinen Alarm geschlagen wird. Ist die Lunge noch nicht entsprechend ausgereift, wird den Kindern Sauerstoff zugeführt, wobei darauf geachtet wird, die Babys so rasch wie möglich von der Beatmungsmaschine zu nehmen, um die Gefahr von Folgeschäden zu minimieren.

Neonatologischer Quantensprung
Der neueste Durchbruch in diesem Bereich: die Surfactant-Therapie, die eine rasche Reifung der Lungen ermöglicht. Die physiologisch bedeutsame Substanz aus Lipiden und Eiweiß entwickelt sich im menschlichen Körper erst um die 34. Schwangerschaftswoche. Ohne sie würde die Lunge nach der Geburt in sich zusammenfallen und keine Atmung erfolgen. Mittlerweile ist es möglich, das künstlich hergestellte Surfactant als Emulsion in die Lungen von Frühchen einzubringen - und so die Überlebenschance stark zu erhöhen. Pollak: "Das war ein Quantensprung in der Neonatologie, da uns die Lunge bis zu diesem Zeitpunkt die größten Kopfzerbrechen bereitet hat. Dennoch gibt es andere Probleme, mit denen wir nach wie vor zu kämpfen haben. Das größte ist zweifelsohne die Ernährung."

Der Grund: Neben den Lungen ist der Darm von Frühgeborenen noch nicht gut entwickelt. Oral eingenommene Nahrung kann so nur schwer weitertransportiert und verarbeitet werden. In den vergangenen Jahren ebenfalls in den Vordergrund des medizinischen Interesses gerückt: das Gehirn und seine Entwicklung. Da bei Frühgeborenen bestimmte Hirnregionen nicht vollständig ausgereift sind und zusätzlich Thrombosen sowie Hirnblutungen drohen, werden viele Frühchen Magnetresonanz-Untersuchungen (MR) unterzogen.

Können bereits Schmerz wahrnehmen
Auch über das Empfinden ist mittlerweile weit mehr bekannt als noch vor wenigen Jahren: Babys können bereits in frühen Entwicklungsstadien Schmerz wahrnehmen und die Reize entsprechend verarbeiten. Ein Forscherteam des Londoner University College bestätigte vor kurzem, dass bei den Kindern während Blutabnahmen im Fersenbereich verschiedene Schmerz verarbeitende Hirnregionen aktiviert werden. Es wird vermutet, dass dadurch die noch nicht abgeschlossene Hirnentwicklung negativ beeinträchtigt werden kann.

Noch mehr Infos finden Sie im NEWS 20/06!

(APA/red)

20.5.2006 09:10