Samstag, 20. Mai 2006

Israelischer Luftangriff im Gaza-Streifen: Militärchef des Islamischen Jihad getötet

  • Auch 2 unbeteiligte Frauen & 5-jähriges Kind getötet

Bei einem israelischen Luftangriff im Gazastreifen sind am Samstag mindestens vier Palästinenser getötet worden. Bei den Opfern handelt es sich nach Angaben aus palästinensischen Krankenhauskreisen um ein Mitglied der radikalen Palästinensergruppe Islamischer Jihad und drei Zivilisten. Nach Angaben eines Jihad-Sprechers war der getötete Mohammed Dadouh einer der Anführer der Organisation in Gaza. Zuvor war der palästinensische Geheimdienstchef Tarek Abu Rajab bei einem Anschlag in Gaza schwer verletzt worden. Einer seiner Leibwächter wurde laut Geheimdienstmitarbeitern getötet, als eine Bombe im Hauptquartier Rajabs explodierte.

Dadouh habe Raketen gebaut, die von Jihad-Aktivisten vom Gazastreifen aus auf Israel abgefeuert worden seien, sagte ein Sprecher der Organisation. Er soll auch hinter einem Selbstmordanschlag gestanden sein, bei dem im April in Israel elf Menschen getötet wurden. Augenzeugen hatten zunächst berichtet, beim getöteten Mann handle es sich um einen Führer der radikalislamischen Hamas.

Jihad-Angaben zufolge feuerte eine israelische Militärmaschine zwei Raketen auf das Auto von Dadouh in Gaza. Zwei hinter dahinter fahrende Palästinenserinnen und ein vierjähriger Bub - der Sohn einer der beiden Frauen - wurden laut Krankenhausmitarbeitern ebenfalls getötet. Ein israelischer Armeesprecher bestätigte einen Luftangriff auf ein Jihad-Mitglied, das in Raketenangriffe auf Israel verwickelt gewesen sei. Sollten auch Zivilisten bei dem Luftangriff getötet worden sein, sei dies bedauerlich.

Bei dem Anschlag auf Geheimdienstchef Rajab wurden rund 15 weitere Menschen verletzt, zwei von ihnen schwer. Die meisten von ihnen waren laut Krankenhaus Leibwächter des Geheimdienstchefs. Rajabs Leben war nach Spitalsangaben nicht in Gefahr. Der Geheimdienstchef hatte sich nach Angaben eines seiner Mitarbeiter in seinem persönlichen Fahrstuhl aufgehalten, als eine dort versteckte Bombe explodierte.

Rajab war im April 2005 vom palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas auf seinen Posten berufen worden. Er leitete zuletzt eine palästinensische Delegation nach Jordanien. Die Behörden des Nachbarlandes warfen der radikalislamischen Hamas vor, Waffen in das Königreich geschmuggelt zu haben, um dort Anschläge vorzubereiten. Die Hamas, die die neue palästinensische Regierung stellt, bestritt die Vorwürfe. Im August 2004 war Rajab schon einmal bei einem Anschlag verletzt worden. Die Attentäter beschossen damals seinen Fahrzeugkonvoi. Sein Fahrer und ein Leibwächter kamen ums Leben.

Abbas-Sprecher Nabil Abu Rudeineh bezeichnete das jüngste Attentat als "gefährliche Eskalation" der Gewalt. Mitglieder der mit der von Abbas geführten Fatah-Bewegung verbundenen Al-Aksa-Brigaden warfen der konkurrierenden Hamas vor, den Anschlag geplant zu haben. Angehörige der Brigaden stürmten den Parkplatz des Parlamentsgebäudes in Ramallah und gaben dort Schüsse in die Luft ab. In Jenin kündigte ein Fatah-Führer an, 2.500 Leute zum Schutz von Abbas' Autonomiebehörde abzustellen. Zugleich verlautete aus Geheimdienstkreisen, die Hamas rüste stark auf.

Der Sprecher der Hamas-Regierung, Ghasi Hamad, wies darauf hin, dass noch nicht endgültig erwiesen sei, ob es sich bei der Explosion tatsächlich um einen Anschlag auf Rajab handelte. Es sollten keine "voreiligen Anschuldigungen" verbreitet werden, warnte er. Hamas-Regierungschef Ismail Haniyeh sagte eine schnelle Untersuchung des Vorfalls zu.

Das Attentat wurde vor dem Hintergrund eines offenen Machtkampfs zwischen Abbas und der Hamas-Regierung über die Kontrolle der Sicherheitsdienste in den Autonomiegebieten verübt. Am Mittwoch hatte die Hamas gegen den Widerstand von Abbas eine 3000 Mann starke Truppe zur Sicherung des Gazastreifens aufmarschieren lassen, die direkt Hamas-Innenminister Saeed Seyam unterstellt ist. Im Gegenzug hatte Abbas die Präsenz seiner Sicherheitskräfte verstärkt. Bei neuen Zusammenstößen zwischen den rivalisierenden Sicherheitskräften wurden in der Nacht drei Menschen in Gaza verletzt.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zeigte sich besorgt über die Lage in den Palästinensergebieten. "Bürgerkriegsähnliche Zustände" seien zu befürchten, sagte er am Samstag in einem Radiointerview.

(apa)

20.5.2006 20:23