Samstag, 20. Mai 2006

Revolte auf Guantánamo niedergeschlagen:
Mehrere Gefangene attackierten Wärter

  • Wollten sich einige Häftlinge zuvor Leben nehmen?

In dem umstrittenen US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba haben Wachen eine Revolte niedergeschlagen. Mehrere der Gefangenen hätten in einer Gemeinschaftsunterkunft am Donnerstagabend die Wachen angegriffen und mit Ventilatoren, Lampen und anderen Einrichtungsgegenständen auf sie eingeschlagen, sagte Pentagonsprecherin Cynthia Smith am Freitag in Washington. Die Männer seien festgenommen und in einen Hochsicherheitstrakt in dem Lager gebracht worden. Wie viele Leute an den Unruhen beteiligt waren, konnte die Sprecherin nicht sagen.

Der Revolte voraus gingen nach ihren Angaben am Donnerstag vier Selbstmordversuche. Drei Männer hätten am Morgen in einem Hochsicherheitsbereich versucht, sich mit einer Überdosis an Medikamenten zu vergiften. Sie hätten die Arzneimittel zuvor für diesen Zwecke gehortet. Zwei der Männer waren am Freitag noch im Krankenhaus, einer war entlassen worden.

Am Donnerstagabend versuchte ein Gefangener in einer Gemeinschaftsunterkunft mit weniger scharfen Sicherheitsvorkehrungen, sich zu erhängen. "Andere versuchten, die Wachen zurückzuhalten, die den Mann retten wollten", sagte Smith. Die Unruhen seien unter Kontrolle gebracht worden. Am Freitag war es nach Angaben von Smith ruhig in dem Lager.

Am Samstag hieß es von Seiten der der US-Armee, der Selbstmordversuch sei inszeniert worden, um die Wächter in einen Hinterhalt zu locken. Ein Gefangener sei dabei beobachtet worden, wie er sich scheinbar zu erhängen versuchte, sagte US-Konteradmiral Harry Harris, der das Lager leitet. Daraufhin sei eine schnelle Eingreiftruppe in Lager 4 geschickt worden.

"Die Gefangenen hatten den Boden mit Fäkalien, Urin und Seifenwasser nass gemacht, um die Wächter zum Stolpern zu bringen." Die Häftlinge hätten das Personal dann mit Ventilatorenblättern, Lampen und weiteren improvisierten Waffen angegriffen. Die Auseinandersetzungen hätten nur ein paar Minuten gedauert.

Gefangene seien aus ihren Betten gesprungen und hätten sich auf die Wärter gestürzt, ergänzte Oberst Mike Bumgardner bei der Konferenz. "Ehrlich gesagt haben wir den Kampf an der Stelle verloren." Deshalb habe das Militär mehrere Runden Gummigeschosse abgefeuert; dabei hätten sechs Häftlinge leichte Verletzungen erlitten. Harris sagte, der Aufstand sei mit "minimalem Gewalteinsatz" beendet worden.

Während zunächst von vier Selbstmordversuchen die Rede gewesen war, sagte der Kommandant des Lagers, vor dem Aufstand hätten zwei Gefangene versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Sie seien bewusstlos, aber in stabilem Zustand im Militärkrankenhaus. Ein weiterer Häftling habe fünf Pillen eingenommen und danach über Schwindel geklagt; dies werde aber nicht als echter Selbsttötungsversuch gewertet. Der vierte Selbstmordversuch war laut Harris derjenige, mit dem die Wärter in den Hinterhalt gelockt wurden.

Es habe nie zuvor einen derart gewaltsamen Aufstand in dem Lager gegeben, seit es im Jänner 2002 eröffnet wurde. Er glaube, dass die Gefangenen damit auf sich aufmerksam machen wollten, sagte der Kommandant. Fast jeder fünfte Häftling habe "irgendeine Art von Geistesproblem". In dem Lager halten die USA seit gut vier Jahren knapp 500 Menschen fest, die sie als "feindliche Kämpfer" betrachten; nur die allerwenigsten wurden aber bisher tatsächlich angeklagt.

500 Gefangene auf Guantánamo
Auf Guantánamo werden knapp 500 Männer festgehalten, die die USA als Terroristen verdächtigen. Viele von ihnen harren dort bereits seit vier Jahren aus. Gegen internationalen Widerstand weigern sich die US-Behörden, die Leute formell anzuklagen, abzuschieben oder freizulassen.

Nach Angaben von Anwälten, die das Lager besucht haben, herrscht unter den Insassen eine depressive Stimmung. Die US-Regierung hatte das Lager im Zuge des Anti-Terror-Kampfes eingerichtet und wirft den meisten der Häftlinge vor, Mitglieder des Terrornetzwerks Al-Kaida (al-Qaeda) oder der afghanischen Taliban-Miliz zu sein.
(apa)

20.5.2006 09:01