Proteste gegen Richtermord in der Türkei: Nach tödlichen Schüssen Wut auf Regierung
- Islamische Politiker von Demonstranten geschubst
- Außenminister von aufgebrachter Menge ausgebuht
·Attentäter feuert auf 5 Verwaltungsrichter
Ankara: Amoklauf eines Anwalts im Gerichtssaal
Mehr als 25.000 Menschen sind in der Türkei auf die Straße gegangen, um gegen die vermutlich religiös motivierten Todesschüsse auf einen hochrangigen Richter zu protestieren. In der Hauptstadt Ankara schubsten aufgebrachte Demonstranten Mitglieder der islamisch orientierten Regierung, die zur Trauerfeier des Richters in die Moschee gelangen wollten.
Bei dem Überfall auf das oberste Verwaltungsgericht der Türkei am Mittwoch war der Richter Mustafa Yücel Özbilgin getötet worden getötet. Vier seiner Kollegen wurden durch Schüsse verletzt. Ein mutmaßlicher Moslem-Extremist war in das Gericht gestürmt und hatte das Feuer auf die Richter eröffnet. Der Schütze rief bei der Tat, er sei ein Soldat Allahs. Er wurde unmittelbar danach festgenommen. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen wurden später vier weitere Verdächtige in Gewahrsam genommen.
Das Gericht war in jüngster Vergangenheit wegen seiner konsequenten Umsetzung weltlicher Vorschriften wie der des Kopftuchverbots in staatlichen Einrichtungen wiederholt ins Kreuzfeuer der Kritik von Islamisten geraten.
Der Überfall vertiefte die Spannungen zwischen der säkularen Elite des EU-Anwärterstaats und der religiös gesinnten Regierung. Außenminister Abdullah Gül wurde von einer Menschenmenge ausgebuht, die sich vor dem obersten Verwaltungsgericht versammelt hatte. Die Demonstranten forderten den Rücktritt der Regierung. Tausende Menschen begleiteten den Sarg des erschossenen Richters durch die Straßen von Ankara.
"Mörder raus", riefen Dutzende Demonstranten, als mehrere Regierungsmitglieder versuchten, in die Moschee zu gelangen. Die Minister - darunter auch der stellvertretende Ministerpräsident Abdullatif Sener - wurden von der aufgebrachten Menge geschubst, während Sicherheitskräfte ihnen den Weg ins Gotteshaus bahnten. Der weltlich gesinnte Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer wurde von der Menschenmenge dagegen mit Applaus vor der Moschee begrüßt.
Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan war nicht in Ankara, sondern nahm an einer einer Konferenz in dem Touristenort Antalya teil. Erdogan verurteilte den Überfall. Der Ministerpräsident und seine Regierungspartei hatten zuvor aber harte Kritik an den Urteilen des Richters geübt und sich für eine Lockerung des Kopftuchverbots eingesetzt. Das Gericht hatte unter anderem im Februar gegen die Einstellung einer Frau in den Schuldienst entschieden, weil die Anwärterin ein Kopftuch trägt. (apa/red)
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