Freitag, 17. November 2006

Wikipedia besitzt "Rivalen" aus China:
Zensierte Enzyklopädie für chinesische User

  • Original wegen heikler Themen seit 2005 gesperrt
  • "Baidupedia" seit April-Launch über 100.000 Begriffe

Chinas größte chinesische Suchmaschine Baidu baut eine zensierte eigene Online-Enzyklopädie wie Wikipedia auf, die in China wegen ihrer politischen Inhalte gesperrt ist. Chinas Konkurrenz für das von Internetnutzern geschriebene Nachschlagewerk verbietet "bösartige Beurteilungen des gegenwärtigen nationalen Systems" oder "Angriffe auf Regierungsinstitutionen und Funktionäre", wie aus den Bestimmungen des Baidu Baike genannten Dienstes hervorging.

Noch ist Vieles in China verboten. Besonders der verstärkte Einzug des liberalen Internets macht der Volksrepublik deshalb schwer zu schaffen. So ist mittlerweile auch der Gebrauch der von Internetusern geschriebenen Enzyklopädie Wikipedia untersagt.

Die "Baidupedia"
Ein "hauseigenes" Konkurrenzprodukt stellt allerdings eine Alternative für wissbegierige Chinesen zur Verfügung. Die Suchmaschine "Baidu" bietet ebenfalls ein Nachschlagwerk an, an dem sich theoretisch jeder beteiligen kann. Verboten sind Beiträge, die "die gesellschaftliche und öffentliche Ordnung schädigen" oder "Streit im Zusammenhang mit Minderheiten, Rassismus, Religion und Regionen anzetteln". Baidu behält sich die Interpretation "angemessener" Beiträge vor.

Original seit 2004 zensiert
Das internationale Wikipedia, das Ausgaben in vielen Sprachen hat, begann seine chinesische Version 2001 und hat heute 67.000 Einträge. Zunächst waren vor allem wissenschaftliche und geschichtliche Themen aufgegriffen worden, so dass sich Chinas staatliche Zeitungen Anfang 2004 lobend über Wikipedia äußerten. Die erste Blockade durch die chinesische Zensur wurde aber 2004 um den Jahrestag der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 dokumentiert. Um das Massaker von Tiananmen entwickelte sich bei Wikipedia eine lebhafte Debatte - ähnlich über die demokratische Inselrepublik Taiwan, die Peking nur als abtrünnige Provinz betrachtet.

Endgültiges Wikipedia-Aus
Als Beiträge zur Ein-Kind-Politik sowie die Herrschaft der Kommunistischen Partei hinzukamen, wurde der Zugang zu Wikipedia nach sporadischen Unterbrechungen im Oktober 2005 endgültig gesperrt. Selbst die deutschen oder englischen Versionen sind nicht mehr zugänglich. Das Internetunternehmen Baidu nutzt die Sperre jetzt, um sich selbst als Nummer Eins der offenen Enzyklopädien in China zu etablieren. In einem Interview der "Financial Times" gab Baidu-Chef Robin Li vor, nicht einmal zu wissen, dass Wikipedia in China gesperrt sei. Er bestätigte, das "Baidupedia", wie seine Enzyklopädie auf Englisch genannt wird, das gleiche Prinzip kopiert hat.

Zweischneidige Karriere mit Baidu
Nach eigenen Angaben enthält Baidu Baike kurz nach dem Start im April bereits 107.662 Wörter. Autoren, deren Beiträge erfolgreich die Zensur passieren, können Titel erwerben und praktisch online Karriere machen. Anders als bei Wikipedia, deren Texte wie freie Software veröffentlicht werden, sichert sich Baidu alle Urheberrechte. (APA/red)

17.11.2006 08:42