Samstag, 13. Mai 2006

Chavez verzichtet auf Dinner mit Schüssel:
Geißelt stattdessen in Urania US-Hegemonie

  • Idol der europäischen Linken nahm Bad in der Menge

Venezuelas Staatschef Hugo Chavez verzichtete Donnerstag Abend auf ein Abendessen mit Kanzler Schüssel in der Hofburg. Er nahm nämlich lieber in der Wiener Urania am einer Diskussion teil, zu der ihn das Internationale Institut für den Frieden und die KPÖ geladen hatten. Dort hat Chavez bei einem zweistündigen Vortrag scharfe Kritik an der Praxis von Freihandelsabkommen geübt. Außerdem sieht er langfristig gute Chancen, die Allmacht des "US-Imperiums" zu brechen. Chavez verteidigte u.a. seinen Beschluss, aus dem Andenpakt auszutreten, der damit endgültig "gescheitert" sei, und forderte die Ausdehnung von Gegenprojekten, wie den kürzlich mit Kuba und Bolivien geschlossenen ALBA-Pakt (Bolivarianische Alternative für Amerika), der solidarisch funktioniere.

Der Ausstieg aus dem Andenpakt erfolgte, nachdem Kolumbien und Peru ihrerseits bilaterale Freihandelsverträge mit den USA - für Chavez das "unmoralischste Imperium" der Geschichte - abgeschlossen hatten. Die Bevölkerungen dieser Länder würden keinen Nutzen daraus ziehen, meinte er, nicht zuletzt deshalb, weil sich die USA selbst nicht an die Vereinbarungen hielten. Mexiko habe etwa im Agrarbereich leidvolle Erfahrungen gemacht, auch Ecuador habe die "rücksichtslosen" Bedingungen Washingtons präsentiert bekommen.

US-Hegemonie brechen
Chavez, der auch zu ausführlichen historischen Exkursen über lateinamerikanische Freiheitskämpfer, im Besonderen zu Staatsgründer Simon de Bolivar, ausholte und deren Weg als beispielhaft für die Gegenwart pries, zeigte sich dennoch optimistisch, dass die US-Hegemonie, der er Völkermord und Terrorismus vorwarf, zu brechen sei: Wie die Geschichte gelehrt habe, gebe es keine ewigen Imperien: "Dieses Jahrhundert müssen wir das nordamerikanische Imperium begraben", gab er sich kämpferisch. Bereits jetzt befinde sich die Welt im post-neoliberalen Zeitalter, in dem sich eine Abschwächung der Allmacht aus dem Norden abzeichnen würde.

Allerdings müsse noch viel stärker nachgesetzt werden. Vor sieben Jahren sei er mit Kubas Staatschef Fidel Castro noch allein auf weiter Flur gestanden und auch in Lateinamerika "satanisiert" worden. Der Máximo Lider selbst habe zu ihm einmal gesagt: "Chavez, ich spüre, ich bin nicht mehr der einzige Teufel bei diesen Gipfeln." Mittlerweile hätten aber auch andere Länder die Vorzüge seiner Politik erkannt. Letztlich sei diese auch der einzige Weg zu einer besseren Zukunft: Rosa Luxemburgs Formel "Sozialismus oder Barbarei" sei heute gültiger als zu ihrer eigenen Zeit.

Fordert von EU "Gegenpol" zu USA
Um den Kontinent weiterzubringen, sei aber im Sinne Bolivars die breite Solidarität der Staaten unerlässlich, meinte Chavez. Die Europäer forderte er auf, gemeinsam mit Lateinamerika und der Karibik einen Gegenpol zum US-"Imperium" zu bilden. Leicht süffisant gab er zu bedenken, dass bereits Venezuela allein für "enormes Chaos" in den USA sorgen könnte, wenn es Washington den Ölhahn zudrehen und der Ölpreis enorm steigen würde.

Die Chancen für Lateinamerika, nach 300 Jahren Kolonialismus auch "200 Jahre imperialistisch-kapitalistischer Unterdrückung" zu überwinden, sieht Chavez jedenfalls gar nicht schlecht. Er selbst will jedenfalls mit gutem Beispiel vorangehen: Die Ölpolitik Venezuelas sei bewusst stark auf Lateinamerika und die Karibik ausgerichtet - "auch wenn man in den USA besser verdienen kann" -, um eine soziale Alternative zum neoliberalen Freihandelsmodell zu schaffen. "Solidarität und wirtschaftliche wie soziale Ergänzung", laute das Motto.

"Wunderschöne Frau mit Krone"
Der nach Chavez' Ansicht sich weiter fortsetzende Erfolg sozialistischer Politik in Lateinamerika habe freilich auch zur Folge gehabt, dass sich die "Satanisierungen" gegenüber seiner Person seitens des "Imperiums" erweitert hätten. Nun werde er auch als Dämon gezeichnet, der mit seinen Petrodollars den Kontinent destabilisiere. Er sei andererseits aber auch gar nicht so unglücklich über die "sich selbst entlarvenden" Verdammungen. Zuversicht und Selbstvertrauen seien in diesen Zeiten jedenfalls viel eher angebracht, als vor dem "Imperium" in die Knie zu gehen. Mit Castro, so bemerkte er im Scherz, spreche er manchmal - "auch wenn uns die Gringos abhören" - am Telefon darüber, ob man nicht etwa zu einem "Gipfel nach New York fahren und alle verrückt machen" solle. Der Einsatz sei es wert, meinte Chavez, gleichen Südamerika und die Karibik für ihn doch einer "wunderschönen Frau mit Krone".

(apa/red)

13.5.2006 11:39