Porträt von Silvio Berlusconi: Mit aggressiver Rhetorik den Bogen überspannt
- Wechselvolle Karriere mit vielen Schattenseiten

Als habe er es gewusst: In den letzten Tagen und Wochen vor der Parlamentswahl trat der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi im Tagesrhythmus in allen möglichen Medien auf und wirkte von Mal zu Mal nervöser. Als er, der stets selbstbewusste Siegertyp, im ersten TV-Duell Mitte März gegen den vergleichsweise ruhigen und besonnen wirkenden Wirtschaftsprofessor Romano Prodi unterlag, läuteten im regierenden Mitte-Rechts-Bündnis die Alarmglocken: Zu nervös, zu unsicher, zu fahrig, zu polemisch sei Berlusconi gewesen.
Doch auch TV-Duell Nummer zwei am 3. April lief nicht nach Wunsch für den Mailänder Erfolgsmenschen. In den allerletzten Tagen vor der Wahl verlor er immer öfter Maß und Ziel und beschimpfte die Links-Wähler schließlich mit dem Wort "coglioni", was im Deutschen mit "Vollidioten" noch harmlos übersetzt ist (wörtlich heißt es: "Eier", "Säcke" o.ä.).
Bei den Wahlen entzog ihm die Mehrheit der Italiener das Vertrauen. Hat Berlusconi den Bogen überspannt? Persönliche Beleidigungen wiegen offenbar schwerer als die Warnung vor der "Roten Gefahr" und unmöglichen Wahlversprechen, wie die Abschaffung von Eigenheimsteuer und Müllabfuhr-Abgabe.
Auch wenn Berlusconi bei diesen Wahlen mit einem enttäuschenden Ergebnis zurecht kommen muss, entmutigen lässt er sich sicher nicht: Schließlich sind plötzliche Wenden eine Konstante in seinem ereignisreichen Leben.
Der 1936 als Sohn eines Bankangestellten geborene Mailänder begann seine Karriere als Staubsaugervertreter und Entertainer auf Kreuzfahrtschiffen. Über die bescheidenen Verhältnisse seiner Jugendjahre erzählt der Medienmogul gern. Mit 25 Jahren hatte er den Doktortitel der Rechtswissenschaften der Universität Mailand in der Tasche und eine Riesenkarriere im Sinn. Im Jahr 1961 stieg er in die Baubranche ein. Er erwarb mit teils undurchsichtigen Bankkrediten in der Peripherie der expandierenden lombardischen Wirtschaftsmetropole Grundstücke, auf denen er Wohnsiedlungen errichtete. In der Folgezeit baute er ganze Stadtviertel auf.
Parallel dazu wurde Berlusconi in den 70-er Jahren in der Medienbranche aktiv. Nach und nach baute er sich ein Netz von privaten TV-Sendern auf, das bald mit Abstand zum größten seiner Art in Europa wurde. Dass er dabei von oft zwielichtigen Freundschaften in Politik und Finanzwelt profitiert habe, warf und wirft man ihm immer wieder vor. In den 80-er Jahren stieg der Unternehmer auch ins Fußballgeschäft ein. Er erwarb den krisengeschüttelten Fußballklub AC Milan, den er in wenigen Jahren zu einer der stärksten europäischen Mannschaften machte.
Im Herbst 1993 begann der TV-Magnat schließlich seine politische Karriere. Er verzichtete darauf, sich persönlich um seine Holding Fininvest zu kümmern, deren Eigentümer er aber blieb, und gründete seine liberalkonservative Partei Forza Italia. Der Begriff stammt - bei Berlusconi kaum anders zu erwarten - aus dem Fußballjargon und bedeutet "Vorwärts Italien". 1994 gewann er die Parlaments- und Europawahlen an der Spitze einer Mitte-Rechts-Allianz. Wegen Konflikten zwischen ihm und seinen Koalitionspartnern brach das Bündnis aber nach knapp sieben Monaten auseinander. Nach einer siebenjährigen "Durststrecke" konnte Berlusconi bei den Parlamentswahlen im Mai 2001 sein Comeback als Regierungschef feiern.
Justizfragen überschatten Berlusconis politische Karriere seit der Gründung der Forza Italia. Der Ministerpräsident, gegen den im Juni in Mailand ein neuer Prozess wegen mutmaßlicher Korruption beginnen wird, scheute kein Kräftemessen mit der Linken, um umstrittene Justizreformen durchzusetzen, mit denen er laut Opposition sich und seine Vertrauensmänner vor einer Verurteilung zu retten versucht. Nach einem neuen Gesetz mit milderen Strafen bei Bilanzfälschung, der Erschwerung des Austauschs von Gerichtsakten mit anderen Staaten und der Einführung eines "Sonderschutzes" für Angeklagte, die sich von "voreingenommenen" Richtern verfolgt fühlen, setzte Berlusconi eine umstrittene Justizreform durch, die die Karriere der Staatsanwälte von jenen der Richter trennt.
Der sehr viel Wert auf sein Äußeres legende Politiker ist zum zweiten Mal verheiratet und hat fünf Kinder. Außenpolitisch zählte er bisher zu den engsten Verbündeten von US-Präsident George W. Bush, wegen zahlreicher kontroverser und unkonventioneller Aussagen wurde er von seinen EU-Amtskollegen nicht immer ernst genommen. An seinem - national und international beschädigten - Ruf wird Berlusconi nun wohl in der Opposition zu arbeiten haben.
(apa)
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