Dienstag, 2. Mai 2006

Haftantrag laut Anwalt abgewiesen: Flöttl jr.
verließ Landesgericht Wien als freier Mann!

  • Investmentbanker kam freiwillig aus N.Y. nach Wien

Der Investmentbanker Wolfgang Flöttl, Sohn des ehemaligen BAWAG-Generaldirektors Walter Flöttl, ist überraschend am Dienstag im Wiener Landesgericht rund viereinhalb Stunden zur BAWAG-Refco-Affäre einvernommen worden. Nach der Befragung durch Untersuchungsrichterin Gerda Krausam verließ Flöttl am Nachmittag das Landesgericht ohne Kommentar zu den wartenden Journalisten. Sein Anwalt, Herbert Eichenseder, erklärte, der Antrag auf Verhängung der Untersuchungshaft sei abgewiesen worden.

Gegen Flöttl wird wegen Verdachts auf Untreue in Zusammenhang mit den Milliarden-Verlusten der Bawag ermittelt. Die zuständige Untersuchungsrichterin hatte Anfang April gegen den früheren Refco-Chef Phillip Bennett einen Haftbefehl erlassen, den Haftantrag gegen Wolfgang Flöttl jedoch abgewiesen. Dagegen hatte die Staatsanwaltschaft berufen, "weil unserer Meinung nach die Haftgründe gegeben waren", sagte damals Walter Geyer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien.

Nun ist der Haftantrag gegen Flöttl vermutlich vom Tisch, meinte Eichenseder auf Anfrage der APA. "Er kann das Gericht und dieses Land als freier Mann verlassen. Er kann hingehen, wo er will", sagte der Anwalt. Die Abweisung des Haftantrags sei ohne jede Auflage erfolgt. Daher rechnet Eichenseder auch nicht damit, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Entscheid Berufung einlege. Flöttl sei freiwillig aus New York angereist, Fluchtgefahr sei nicht gegeben.

"Die Dokumente, die wir der Untersuchungsrichterin vorgelegt haben, waren offensichtlich ausreichend," meinte Eichenseder, der Flöttl jun. seit rund 4 Wochen vertritt. Ob eine weitere Einvernahme gewünscht werde, müsse das Gericht entscheiden, sagte Eichenseder vor den Journalisten beim Verlassen des Gerichts. Mit der Pleite der US-Investmentfirma Refco, an der die BAWAG beteiligt war, habe Flöttl jedenfalls nicht zu tun, so Eichenseder später. "Es liegt klar am Tisch, dass Refco eine BAWAG-interne Geschichte ist", sagte der Anwalt.

Im Dunklen liegt nach wie vor, wie Flöttl in so kurzer Zeit so viel Geld der BAWAG in den Sand setzte. Laut Eichenseder sind die Verluste innerhalb von drei Tagen bei Yen-Währungsspekulationen entstanden. Demnach habe Flöttl vor der Untersuchungsrichterin ausgesagt, dass die Situation, in der die Milliarden-Verluste entstanden waren, seit 1945 einmalig gewesen sei. Angeblich wollte sich "innerhalb von drei Tagen die gesamte Wall Street aufhängen", sagte Eichenseder. Flöttl habe dabei auch eigenes Vermögen verloren. Wie hoch Flöttls persönliche Verluste ausgefallen seien konnte Eichenseder nicht beziffern.

Der in New York lebende Investmentbanker wurde von Untersuchungsrichterin Gerda Krausam von 10.45 Uhr bis 15.10 Uhr einvernommen. Beim Verlassen des Gerichts wich Eichenseder nicht von Flöttls Seite. Flöttl wirkte nach der viereinhalbstündigen Einvernahme erschöpft, aber gefasst, als er ohne Kommentar, gefolgt von zahlreichen wartenden Journalisten, das Landesgericht verließ.

Unklar blieb, wie lange sich Flöttl jun. bereits in Österreich befunden hatte und wann er das Land wieder verlassen wird.
(apa/red)

2.5.2006 17:44