Donnerstag, 30. März 2006

Wieder in Freiheit: US-Journalistin Jill
Carroll aus Geiselhaft im Irak freigelassen

  • Nach drei Monaten in Gewalt von Kidnappern
  • PLUS: Mehrere Tote bei Anschlägen und Attentaten

Nach fast drei Monaten Geiselhaft ist die US-amerikanische Journalistin Jill Carroll am Donnerstag unversehrt freigelassen worden. Die Kidnapper hätten sie gut behandelt, sagte die 28-Jährige kurz darauf im irakischen Fernsehen. Über die Hintergründe der Geiselnahme wisse sie nichts. US-Außenministerin Condoleezza Rice sagte am Rande einer Außenministerkonferenz in Berlin, sie empfinde "große Freude und Erleichterung" über die Freilassung der Journalistin.

Die freie Mitarbeiterin des Magazins "Christian Science Monitor" und der italienischen Nachrichtenagentur Ansa war am 7. Jänner in Bagdad auf dem Weg zu einem Interview mit einem sunnitischen Politiker entführt worden. Die Kidnapper töteten ihren Dolmetscher. Die Entführer, die sich Rache-Brigaden nannten, forderten die Freilassung aller weiblichen Gefangenen im Irak bis zum 26. Februar. Während der Geiselhaft waren mehrere Video-Aufnahmen veröffentlicht worden, in denen Carroll um Hilfe fleht.

Die Irakische Islamische Partei erklärte, die Journalistin sei am Morgen in der Nähe eines ihrer Büros im Westen Bagdads aufgetaucht und man habe sie den Amerikanern übergeben. Die Partei ist eine der größten sunnitischen Organisationen im Irak. Die einflussreiche Sunniten-Partei hatte sich mehrmals für die Freilassung Carrolls eingesetzt. "Ich bin einfach nur froh, wieder frei zu sein", sagte Carroll dem TV-Sender der Partei. "Jetzt will ich nur noch zurück zu meiner Familie." Am Ende des Interviews bot Partei-Chef Tarek al-Hashemi Carroll einen Koran an und sagte: "Vergessen Sie das irakische Volk nicht."

Zahlreiche Tote bei Anschlägen
Bei mehreren Anschlägen und Attentaten wurden am Donnerstag wieder zahlreiche Menschen getötet. In Basra erschossen Aufständische oder Kriminelle nach Polizeiangaben eine Anwältin beim Verlassen eines Taxis. Bei einem Selbstmordanschlag auf einen Polizeikonvoi im Westen von Bagdad wurden drei Polizisten und zwei Passanten verletzt.

Im Norden von Bagdad fanden Sicherheitskräfte die Leiche eines erdrosselten Mannes - vermutlich ein weiteres Opfer von Vergeltungsaktionen zwischen Sunniten und Schiiten. Die US-Streitkräfte meldeten den Tod eines Soldaten, der beim Versuch, eine Bombe zu entschärfen, ums Leben gekommen sei. In der Nähe von Kirkuk jagten Aufständische eine Ölpipeline in die Luft.

Regierungsbildung stockt
Die Regierungsbildung tritt auch dreieinhalb Monate nach der Wahl weiter auf der Stelle. Die Parteien sagten am Mittwochabend ein geplantes Treffen ab und erklärten, es müsse erst in internen Gesprächen sondiert werden, welche Kompetenzen der Ministerpräsident in der Sicherheitspolitik haben sollte.

Kern des Streits ist die Nominierung von Ministerpräsident Ibrahim al Jaafari für eine zweite Amtszeit. Die sunnitischen und kurdischen Parteien lehnen den schiitischen Politiker ab, und auch die USA haben Vorbehalte gegen Jaafari. US-Botschafter Zalmay Khalilzad hat führende schiitische Politiker darum gebeten, Jaafari zum Amtsverzicht zu bewegen. Dieser warf US-Politikern in der "New York Times" Einmischung in den demokratischen Prozess seines Landes vor.

Mehr als 200 Ausländer sind seit der von den USA geführten Irak-Invasion vor drei Jahren entführt worden. Viele kamen wieder frei, einige wurden allerdings getötet. Das Schicksal der beiden Mitte Jänner verschleppten Deutschen ist weiter ungewiss. Die Ingenieure aus Leipzig, Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke, sind nach einem ARD-Bericht aus der vergangenen Woche am Leben. Die Entführung soll demnach einen kriminellen Hintergrund haben, da die Kidnapper Lösegeld erpressen wollten. Das letzte Lebenszeichen in Form einer Videobotschaft stammt vom 11. Februar.

(apa)

30.3.2006 16:00