Sturm aus der Karibik: FORMAT über die Krise im ÖGB & die fehlenden Zukunftspläne
- Richtungsentscheidung: Wer folgt auf Verzetnitsch?
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Nach der Bawag-Affäre will der ÖGB die Probleme mit enormem Tempo abarbeiten. Das eigentliche Problem ist aber ein anderes: Es gibt keinen Plan für die eigene Zukunft.
Nach dem Verzetnitsch-Rücktritt ging alles sehr schnell: Gerade einmal zwei Sitzungsstunden brauchten die Präsidiumsmitglieder des Gewerkschaftsbundes, um erstens Rudolf Hundstorfer als interimistischen ÖGB-Chef zu bestellen, zweitens den Finanzchef der Metallergewerkschaft Erich Foglar zum ÖGB-Finanzchef zu machen, und dann wurde auch noch beschlossen, dass in Zukunft keine ÖGB-Funktionäre mehr im Aufsichtsrat der Bawag sitzen dürfen.
Für einen Verein wie den ÖGB sind das drei ziemlich wichtige Entscheidungen in ziemlich kurzer Zeit, und das zeigt wohl vor allem eines: Die ÖGB-Funktionäre haben offenbar erkannt, dass die Gewerkschaft durch die Bawag-Affäre in der vielleicht größten Krise seit den sechziger Jahren steckt.
Dabei hatte die ÖGB-Führung anfangs noch versucht, die Probleme auf traditionellem Weg zu lösen: Fritz Verzetnitsch wollte die Krise aussitzen, an einen Rücktritt dachte er noch am Wochenende nicht. Doch vor allem die SPÖ-Führung rund um Alfred Gusenbauer hatte der ÖGB-Führung nahegelegt, die Angelegenheit rasch zu bereinigen. Nicht ganz zu Unrecht fürchtet Gusenbauer wohl, dass das Bawag-Schlamassel seine eigenen Wahlchancen erheblich minimiert.
Und spätestens als am Wochenende in der SPÖ Gerüchte auftauchten, die ÖVP wolle die Krise nützen und die Nationalratswahl doch noch vor dem Sommer durchführen, übte die SPÖ Druck auf den ÖGB aus. Sowohl Gusenbauer, der ständig mit seinem Jugendfreund, GPA-Chef Wolfgang Katzian, telefonierte, als auch der Wiener Bürgermeister Michael Häupl, der sich mit Hundstorfer beriet, machten Verzetnitsch deutlich, dass er sich sofort zurückziehen sollte.
Zwei Wochen hat sich der ÖGB nun Zeit gegeben, einen tatsächlichen Nachfolger für Verzetnitsch zu finden, der dann am 19. Juni offiziell bestellt werden soll.
Das Rennen um den Job ist dabei noch völlig offen weil es den ÖGB auch zum unmöglichsten Zeitpunkt trifft. Zwar war klar, dass sich die Präsidentschaft von Verzetnitsch nach 19 Amtsjahren demnächst dem Ende zuneigen würde, die offizielle Hofübergabe sollte aber erst kommendes Jahr stattfinden. Davor wollte der ÖGB noch seine Strukturen reformieren, die Fusion weiterer Teilgewerkschaften durchführen und auch die maroden Finanzen einigermaßen konsolidieren.
Durch die Bawag-Affäre muss das alles nun viel schneller als geplant verlaufen und obendrein alles auf einmal passieren. Spannend ist die Sache auch deshalb, weil es im Grunde keinen logischen Nachfolger gibt. Interimschef Hundstorfer hat als enger Verzetnitsch-Vertrauter und als Chef der Gemeindebediensteten-Gewerkschaft wenig Chancen. GPA-Chef Katzian hat zwar als Chef der größten Teilgewerkschaft eine enorme Hausmacht, er gilt aber zu sehr als Intimus von SPÖ-Chef Gusenbauer und ob diese Männerfreundschaft seine Chancen wirklich erhöht, ist fraglich.
Aussichtsreicher sind da die Chancen von Druckergewerkschafter Franz Bittner und Eisenbahnergewerkschafter Wilhelm Haberzettl. Aber auch sie haben ein schweres Manko auszugleichen: Seit vierzig Jahren kamen die ÖGB-Präsidenten inklusive dem Installateur Verzetnitsch nämlich jedes Mal aus den Reihen der Metallergewerkschaft. Und auch wenn deren Chef Rudolf Nürnberger keine Avancen auf den Job hat an ihm wird kein Weg vorbeiführen. Dass mit Erich Foglar nun ein Metaller einstimmig zum obersten Hüter des Gewerkschaftsgeldes bestellt wurde, mag bereits ein Signal an Nürnberger sein.
Entscheidend ist wohl, wie sich die Kandidaten selbst die Zukunft des ÖGB vorstellen. Denn gerade nach der Bawag- Krise braucht der nächste ÖGB-Chef wohl einen klaren Plan, wie er die schwindende Bedeutung des Gewerkschaftsbundes abzufedern gedenkt. Dass der Mann ein "Zeichen für die Jugend" sein muss, wie es Kandidat Bittner sagt, wird zu wenig sein. Denn vor allem rund um die Strukturreform des ÖGB waren in den vergangenen Monaten die Fronten aufeinander geprallt. Nach wie vor ist längst nicht geklärt, ob der ÖGB weiterhin versuchen soll, möglichst geschlossen aufzutreten und dabei die Gewerkschaftsspitze zu stärken das wollten Verzetnitsch und auch Hundstorfer.
Metaller Nürnberger, aber vor allem die jungen Gewerkschaftsführer wie Katzian und Haberzettl haben indes eher vor, eine Reihe von größeren Teilgewerkschaften zu bilden, die dann eigenständiger arbeiten können. Die Entscheidung über den Nachfolger von Fritz Verzetnitsch wird in diesem Fall also als Richtungsentscheidung zu werten sein.
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