Freitag, 24. März 2006

Österreich steuert auf nächsten Rekord zu: Zahl der Pleiten nimmt weiter dramatisch zu

  • Erstmals mehr Private als Unternehmen in Insolvenz
  • Im ersten Quartal 2006 gab es schon 3.726 Fälle

Nach dem Rekordjahr 2005 steuert Österreich heuer auf den nächsten Pleitenrekord zu. Die Zahl der Gesamtinsolvenzen erhöhten sich im ersten Quartal 2006 im Jahresvergleich um 16,3 Prozent auf 3.726 Fälle. Dabei stiegen die Privatpleiten mit plus 17,3 Prozent auf 1.877 insolvente Privatpersonen stärker als die Unternehmensinsolvenzen mit plus 15,3 Prozent auf 1.849. Heuer sind damit erstmals seit Einführung des Schuldenregulierungsverfahrens im Jahr 1995 mehr Private als Unternehmen pleite, geht aus der Insolvenzstatistik der Creditreform Österreich hervor.

Im Detail wurden bei den Unternehmensinsolvenzen im ersten Quartal 2006 906 Konkursanträge mangels Masse abgewiesen um 1,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Das heißt, dass jede zweite Insolvenz nicht durch ein ordentliches Verfahren abgewickelt werden konnte. 28 Ausgleichsverfahren bedeuten im Jahresvergleich eine Steigerung um 86,7 Prozent. Eine Erklärung für die starke Zunahme könnte darin liegen, dass 2005 die Ausgleichsverfahren um 29,8 Prozent zurückgegangen sind und nun eine nachträgliche Berichtigung auf das "Normalniveau" eintritt. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Insolvenzverfahren machen Ausgleiche aber weiterhin leider vernachlässigbare 1,5 Prozent aus.

Bei den Bundesländern hat Kärnten mit einem Plus von 35,9 Prozent die höchste Steigerung zu verzeichnen, gefolgt von Wien (+27,4 Prozent) und Oberösterreich (+19,6 Prozent). In Vorarlberg hingegen gingen die Pleiten um 22,2 Prozent zurück. Im Branchenvergleich lag die Sparte "Information und Consulting" mit 473 Insolvenzen wie im vergangen Jahr an der Spitze. Die größten Steigerungen gab es im Gewerbe und Handwerk (+78,6 Prozent), in der Industrie (+65,5 Prozent) und in der Branche "Transport und Verkehr" (+52,1 Prozent). Bemerkenswert war die Entwicklung im Handel, wo die Zahl der Insolvenzen um 6,2 Prozent auf 331 Fälle zurückging. Grund dafür dürfte das gute Weihnachtsgeschäft und die sich verstärkende Nachfrage der Konsumenten sein.

Von den insgesamt 1.877 überschuldete Privatpersonen wurden im ersten Quartal 2006 für 1.511 Schuldenregulierungsverfahren eingeleitet, 19,5 Prozent der Anträge oder 366 Fälle wurden mangels Kostendeckung nicht eröffnet. In Wien gab es mit plus 59,3 Prozent den stärksten Anstieg vor Kärnten (+27,5 Prozent) und Salzburg (+18,9 Prozent). Lediglich in Vorarlberg (-14,7 Prozent), Steiermark (-11,2 Prozent) und im Burgenland (-4,9 Prozent) gehen die Privatinsolvenzen zurück.

Die Insolvenzen steigen, der Trend zeigt weiter nach oben, eine Besserung des Status quo sei nicht auszumachen, so die Creditreform. Die im Europavergleich gute Wettbewerbsposition Österreichs mache sich (noch) nicht bei den Insolvenzen bemerkbar. Das sei nicht überraschend, da sich derart positive Entwicklungen zeitverzögert auf die Insolvenzen auswirken.

SP: Regierung ist schuld, Wirtschaftsbund relativiert
Als "ein alarmierendes Signal" bezeichnete SPÖ-Finanz- und Budgetsprecher Christoph Matznetter den Anstieg der Insolvenzen. Matznetter ist der Meinung, dass sich die Politik der Bundesregierung katastrophal auf tausende österreichische Betriebe auswirke.

Der Wirtschaftsbund begründete die hohe Zahl der Insolvenzen mit einer steigenden Gründer-Quote und erklärte: "Alle 17 Minuten wird ein Unternehmen insolvent - aber alle 5 Minuten wird eines gegründet". Die Gründerdynamik ziehe zwar mehr Insolvenzfälle nach sich, unterm Strich stimme jedoch der Saldo und der sei eindeutig positiv.

"Insolvenzen werden zwar mehr, in Bezug auf die Verbindlichkeiten aber auch immer kleiner. Fast 70 Prozent der Pleiten haben betriebsinterne Gründe", sagte der Wirtschaftsbund und beruft sich auf Zahlen des Kreditschutzverbandes (KSV): Demnach sind 25 Prozent der Pleiten auf Fahrlässigkeit, 33 Prozent auf innerbetriebliche Fehler, 10 Prozent auf persönliches Verschuldungen zurückzuführen. Weiters würden 15 bis 20 Prozent der insolventen Unternehmen schlussendlich weitergeführt - "eine Sanierungsquote, die im internationalen Spitzenfeld liegt", betonte der Wirtschaftsbund.
(apa/dpa)

24.3.2006 10:38