Donnerstag, 23. März 2006

Nach 4:1-Sieg gegen USA: Nun rechnet DFB-
Teamchef Klinsmann mit seinen Kritikern ab

  • "Da wird respektlose und aggressive Politik gemacht"
  • Kahn betrieb Werbung für Berufung zum WM-Keeper

Nach der Wiedergutmachung auf dem Platz holte Jürgen Klinsmann zum persönlichen Befreiungsschlag aus. Der zuletzt heftig attackierte deutsche Fußball-Bundestrainer nutzte die Gunst der Stunde zu einer emotionalen Generalabrechnung mit seinen Kritikern. "Da wird Politik gegen einen gemacht, die zu weit geht und respektlos ist, die aggressiv ist und versucht, Stimmung zu machen beim Publikum. Das hat nichts mit der Arbeit zu tun", beschwerte sich Klinsmann am Mittwochabend nach dem 4:1-Sieg gegen die USA, im Gesicht gezeichnet vom aufgestauten Ärger.

Der nach der 1:4-Vorführung in Florenz sehnlichst erwartete Erfolg gegen eine US-Verlegenheitself war vor allem ein Sieg für Klinsmann. Dass sein unkonventioneller WM-Kurs mit jungem Personal und konsequenter Offensiv-Taktik mit hohem Risiko verbunden war und ist, hat er nie verschwiegen. Doch mit Pessimismus und negativer Aggressivität hätten "einige Leute" nach dem Rückschlag gegen Italien sogar das WM-Unternehmen im eigenen Land gefährdet, klagte der Wahl-Amerikaner. "Man kann letztlich alles kaputt machen, bevor es los geht. Auf dem besten Weg dazu waren wir. Gott sei Dank hat die Mannschaft eine sehr gute Reaktion gezeigt."

Ausgerechnet Schweinsteiger traf zum 1:0
Nach einer Hälfte der Verunsicherung und von einem Großteil der 64.500 Fans in Dortmund zur Pause ausgepfiffen, leitete ausgerechnet Bastian Schweinsteiger den Stimmungsumschwung ein. Nach den unbegründeten Wettvorwürfen hatte Klinsmann den 21-jährigen Münchner zunächst aus der Öffentlichkeit genommen und erst nach der Pause aufs Feld geschickt. "Es war super für ihn, dass er ein Tor gemacht hat und er weiß, dass alle hinter ihm stehen", betonte Bayern-Kollege Michael Ballack.

Der DFB-Kapitän (79.), der mit seinem 30. Länderspieltor neben Schweinsteiger (46.), dem agilen Oliver Neuville (73.) und Miroslav Klose (75.) die deutliche Steigerung der deutschen Elf nach der Pause in einen zählbaren Erfolg umgewandelt hatte, freute sich aber auch speziell für Klinsmann. "Natürlich war der Sieg auch für den Trainer wichtig nach so einer Niederlage in Italien. Aber der Trainer hat sich vor die Mannschaft gestellt, hat sehr viel Kritik eingesteckt."

Klinsmann setzt alles auf unmittelbare WM-Vorbereitung
Dem Bundestrainer hat das positive Ergebnis gegen die USA vor allem gut getan, "weil wir jetzt gezielt weiter arbeiten können, ohne dass uns immer wieder Prügel zwischen die Beine geschmissen werden". Für Klinsmann ist die unmittelbare Vorbereitung, die am 14. Mai mit der Nominierung des 23-köpfigen WM-Aufgebots eingeläutet wird, die Trumpfkarte, auf die er alles setzt.

Die Heimbilanz mit zuletzt vier Siegen in Folge - nur Brasilien gewann in der Klinsmann-Ära (12 Heimspiele) in Deutschland - und die Signale der WM-Helden von 2002 geben einen Hoffnungsschimmer. Die Torschützen Klose, der erstmals seit 15 im DFB-Trikot wieder traf, Neuville und Ballack waren schon vor vier Jahren an der überraschenden Finalteilnahme in Asien beteiligt. Erstmals seit damals spielten auch die beiden Dortmunder Metzelder und Sebastian Kehl wieder zusammen für Deutschland.

US-Trainer Arena nimmt 1:4 auf seine Kappe
Bruce Arena, der Trainer der US-amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft, hat die Verantwortung für die 1:4-Niederlage gegen Deutschland übernommen. "Es war vielleicht ein Fehler, zu einem Zeitpunkt, an dem wir nicht mit unseren besten Spielern antreten konnten, gegen Deutschland zu spielen. Das muss ich mir vorwerfen", meinte Arena. Es seien nur drei Stammspieler auf dem Platz gewesen, der Rest kämpfe um einen Platz im WM-Kader.

"Ich hätte sagen müssen: das ist nicht der richtige Zeitpunkt für so ein Spiel", sagte der Trainer. Er kündigte an, dass er bereits nach dem Freundschaftsspiel gegen Jamaika am 11. April seinen vorläufigen Kader mit 30 Spielern benennen und anschließend am 1. Mai die endgültigen 23 Spieler für die WM nominieren wolle. (apa/red)

23.3.2006 13:47