Sonntag, 19. März 2006

Schwerkranke wieder gesund? Neue Regeln für Wunderheilungen in Lourdes eingeführt

  • Wallfahrtsort passt sich medizinischen Fortschritt an
  • Neben medizinischer Bestätigung auch Zeuge benötigt

Sechs Millionen Menschen pilgern Jahr für Jahr in das südwestfranzösische Lourdes. Viele Schwerkranke hoffen wegen der angeblichen Wunderkraft des Ortes auf eine Heilung. Zuletzt gab es nur noch wenige, die von der katholischen Kirche auch anerkannt wurden. Jetzt verändert Lourdes seine Regeln für Wunderheilungen.

Fast 150 Jahre ist das Wunder von Lourdes alt: Ab dem Februar 1858 erscheint der jungen Müllerstochter Bernadette Soubirous dort in einer Grotte insgesamt 18 Mal die Jungfrau Maria. Zu Tage kommt eine Quelle, deren Wasser fortan heilende Wirkung zugeschrieben wird. Noch im selben Jahr wird die erste Wunderheilung bekannt: Die 38-jährige Catherine Latapie tunkt ihren gelähmten Arm in die Quelle und kann ihn daraufhin wieder bewegen.

Von 7000 gemeldeten Fällen bestätigte die Kirche in den nächsten eineinhalb Jahrhunderten 66 weitere Wunderheilungen - darunter auch einen einzigen deutschen Fall: die 1950 von Multipler Sklerose geheilte Thea Angele aus dem württembergischen Tettnang.

Ein weiterer Fall dürfte bald dazukommen: Die 20-köpfige internationale Medizinkommission von Lourdes (CMIL) erkannte jüngst den Fall einer Französin an, der jetzt noch von einem Bischof bestätigt werden muss. Laut CMIL-Mitglied François-Bernard Michel litt die Frau an einer bösartigen Vergrößerung der Lymphknoten in Verbindung mit Brustkrebs, Hirnhaut- und Nervenentzündung, gegen die eine Chemotherapie erfolglos geblieben war. Nach einem Besuch in Lourdes vor 13 Jahren kam es zu einer plötzlichen Heilung. Seitdem sei die Frau beschwerdefrei.

Damit würde es seit Ende der 70er Jahre vier Fälle von Wunderheilungen in Lourdes geben. Tatsächlich machen die harten Kriterien und der medizinische Fortschritt die Anerkennungen immer schwieriger. So darf der Erkrankte zur Zeit des Lourdes-Besuchs unter keinerlei Behandlung stehen, und seine Krankheit muss als unheilbar gelten. Es wurde deshalb in den vergangenen Jahrzehnten immer seltener, dass die Experten des medizinischen Rates von Lourdes mit der geforderten Zwei-Drittel-Mehrheit eine Heilung bestätigten.

Es gehe darum, von der bisherigen "Wunder oder nicht"-Definition wegzukommen, "hin zu einer subtileren Position, um die Realität von Lourdes besser widerzuspiegeln", sagt der Bischof des Wallfahrtsortes, Jacques Perrier. Neben der unveränderten medizinischen Wunderdefinition solle die "Vorstellung eines verlässlichen Zeugen" eingeführt werden. "Die Untersuchung der Heilung wird sich fortan auch für die Person interessieren und ihr Zeugnis vor dem christlichen Glauben." Wie der Prüfprozess dann genau aussehen soll, wie medizinische Einschätzung gegenüber der religiösen abgewogen werden soll, ließ Perrier offen.

Es sei jedenfalls nicht Ziel, künftig "Wunder auf Rabatt" auszusprechen oder "weniger ernsthaft bei der wissenschaftlichen Untersuchung der Fälle zu sein", sagt der Medizinprofessor Michel. "Es geht darum, die wissenschaftliche Strenge zu respektieren, aber auch den Glauben und die Überzeugung von Menschen, die einen radikalen Wandel ihres Gesundheitszustandes erfahren haben." Schließlich habe sich die Medizin "in den vergangenen 30 Jahren mehr verändert als in den vorangegangenen 300". Laut Michel will das Gremium nun prüfen, ob es sich künftig auch mit der Heilung von psychisch und geistig Kranken befasst. (apa/red)

19.3.2006 13:01