Freitag, 17. März 2006

Kinderglück für 13.000 Euro: Immer mehr adoptieren den Nachwuchs aus dem Ausland

  • Kampf gegen Bürokratie, hohe Kosten & Misstrauen
  • BILDER: Vier Auslands-Adoptionen - Vier Schicksäle

Auslands-Adoptionen: Immer mehr Österreicher holen Kinder aus Russland, Indien oder Afrika. Und kämpfen gegen Bürokratie, hohe Kosten & Misstrauen.

Unsere Freude war riesig, als wir Swara zum ersten Mal sahen - und doch wurden die folgenden Monate viel anstrengender, als wir jemals geahnt hatten", erzählt Nicole P. Die Niederösterreicherin und ihr Mann hatten sich im Frühjahr 2003 dazu entschlossen, ein indisches Mädchen zu adoptieren: "Unsere eigenen Buben waren damals vier und sieben Jahre alt, und es war unser sehnlichster Wunsch, auch einem armen Kind aus dem Ausland eine Chance zu geben", erklärt die Frau.

Nachdem alle Dokumente gesammelt, übersetzt, beglaubigt und an ein Kinderheim in Bombay geschickt waren, begann die bange Zeit des Wartens. Doch die Familie hatte Glück: Schon im Februar 2004 bekam sie die Nachricht, dass die damals fast vier Jahre alte Swara bereits auf sie warte. Im November dann das erste Treffen, in einem Kinderheim in Indien.

"Sie weinte bitterlich"
Nicole P.: "Ich erinnere mich noch genau an diesen wunderbaren Moment - als eine Sozialarbeiterin mit Swara an der Hand zu uns kam und mir die Kleine auf den Schoß setzte." Aber Swara begann bitterlich zu weinen. Auch bei den folgenden Besuchen verhielt sich das Mädchen ähnlich. "Wir hatten natürlich Verständnis für die Ängste des Kindes, und gleichzeitig ertappten wir uns immer wieder bei dem Gedanken, ob denn das richtig sei, was wir hier tun", sagt Karl-Heinz P. heute.

Aber die Entscheidung war gefallen und Swara begleitete ihre neuen Eltern nach Österreich. "Anfangs ließ mich Swara keine Minute aus den Augen", erinnert sich Nicole P., "egal ob ich im Bad oder auf der Toilette war." Die Kleine konnte einfach nicht allein sein. Weitere Verhaltensmuster ließen sich auf ihre Zeit im Heim zurückführen: Swaras eiserner Wille und ihre unglaubliche Ausdauer - immerhin hatte sich das Mädchen in Bombay gegen Dutzende andere Kinder durchsetzen müssen.

Traumatische Trennung
Für Romana Neuwirth, Sozialarbeiterin des Vereins "Eltern für Kinder Österreich", ist Swaras Verhalten typisch: "Jedes Paar, das sich zu einer Adoption entschließt, muss sich darüber im Klaren sein, dass das Kind auf jeden Fall einen Bruch erlebt, wenn es aus seiner gewohnten Umgebung geholt wird." Psychologen sprechen von der "ersten traumatischen Trennung", manche Kinder lernen damit umzugehen, bei anderen kommt es zu aggressivem Verhalten im Alter von fünf bis sechs Jahren, bei einigen brechen die Probleme erst in der Pubertät aus.

Tatsache ist: Immer mehr Paare entscheiden sich für eine Auslandsadoption. Allein in Wien wurden im Vorjahr 74 entsprechende Bewilligungen erteilt. Inlandsadoptionen gab es hingegen nur 32 - heimische Kinder werden schließlich kaum zur Adoption freigegeben, wodurch sich die Wartezeiten auf bis zu sieben Jahre verlängern. Damit werden Auslandsadoptionen zunehmend attraktiver - die Wartezeiten auf ein Kind betragen mitunter nur drei Monate. Jedenfalls: Jährlich adoptieren mittlerweile mehr als 150 österreichische Paare Kinder aus dem Ausland. Tendenz: steigend.

Vereine bieten Sicherheit
Dennoch ist auch der Weg zur Auslandsadoption oft mühsam. Zwingend vorgeschrieben ist eine Pflegestellenbewilligung. Erst dann kann die Anmeldung bei einem entsprechenden Verein geschehen. Es folgen Vorbereitungskurse auf die Adoption, dann wird ein Ländervertrag unterschrieben, in dem Prozedere und landesspezifische Bedingungen, aber auch Rechte und Pflichten des Adoptionswerbers festgeschrieben sind. Endlich werden die notwendigen Dokumente gesammelt, und Sozialarbeiter erstellen die "Homestudy" (Sozialbericht).

"Wir mussten unser Einkommen offen legen, Gesundheitszeugnisse beibringen, und sogar die Bestätigung eines Grundeigentums war notwendig", sagt Christian W., der gemeinsam mit seiner Frau vor drei Jahren bei den russischen Behörden um ein Adoptivkind angesucht hat. Freilich: Russland ist das aufwendigste Land für Adoptivwerber.

Wenn alle Papiere an die Behörden verschickt sind, gilt es - manchmal Jahre - auf den Kindervorschlag zu warten. Und auch nach der Adoption fordern die Länder noch jahrelang Post-Placement-Berichte. "Bis zu ihrem 18. Lebensjahr verlangt Kambodscha jährlich einen genauen Bericht über die Integration und Entwicklung meines Kindes", erzählt Ursula H., die ihre Tochter Daly in der Karwoche aus Asien abholen wird.

Auf Adoptionswerber lauern aber auch viele Gefahren:

* "Je länger die Suche dauert, desto eher sind Paare bereit, auch rechtlich nicht abgesicherte Hilfe von privaten Adoptionsvermittlern mit illegalen Machenschaften anzunehmen", warnt UNICEF-Sprecherin Sylvia Trsek. Mit drastischen Folgen: Illegal vermittelte Kinder verlieren meist ihre ursprüngliche Nationalität, erhalten aber auch nicht die Staatsbürgerschaft des Aufnahmelandes. Älteren Kindern droht sogar die Abschiebung.

* Nur auf offiziellem Weg kann man sicher sein, dass die medizinischen Gutachten der Kinder einwandfrei sind und die Adoptiveltern auch die Vorgeschichte ihres "Sprösslings" erfahren. So kann bei Kindern etwa eine HIV-Infektion oder Hepatitis vorliegen. Speziell russische Kinder leiden oft am "FAS-Syndrom", als Folge einer Alkoholkrankheit der leiblichen Eltern. "Diese Kinder können geistig zurückgeblieben sein. Man kann die Krankheit zwar therapieren, aber nicht heilen", weiß Neuwirth.

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17.3.2006 11:47