Freitag, 17. März 2006

"Eliteuni dauert zwanzig Jahre": Uni-Guru Gerhard Caspar über neue Kaderschmieden

  • Voraussetzungen: Numerus clausus, Studiengebühren
  • Finanzierung durch die Wirtschaft ist problematisch

Das Thema beschäftigt Österreich seit Monaten: Die geplante Eliteuniversität "Institute of Science and Technology Austria". Das Projekt, das zuletzt aufgrund der umstrittenen Standortentscheidung für das niederösterreichische Gugging in die Schlagzeilen geraten ist, soll im Herbst 2006 starten. Was nun in Österreich beginnt, hat die US-Universität Stanford längst geschafft. Die kalifornische Hochschule, die im Jahr 1891 gegründet wurde, gilt weltweit als eine der renommiertesten Kaderschmieden für Wissenschaftler und Unternehmer. Im wichtigen Ranking der Jiao-Tong-Universität in Schanghai belegt Stanford hinter Harvard und Cambridge Platz drei. Als einer der Architekten der US-Eliteuniversität gilt der deutsche Rechtswissenschaftler Gerhard Casper, langjähriger Präsident von Stanford. FORMAT traf Casper zum Gespräch über Spitzenuniversitäten, Studiengebühren und Elisabeth Gehrers Traum von der Weltklasse.

Format: In Österreich wird derzeit heftig über das geplante Institute of Science and Technology Austrian (ISTA) diskutiert. Braucht ein kleines Land eine Eliteuniversität?

Casper: Österreich hat eine lange Tradition in der Wissenschaft, es gibt viele Talente, die man fördern sollte. Das Land ist wohlhabend genug, dies auch zu tun. Wenn Österreich in der Nachwuchsförderung nicht ehrgeizig ist, besteht die Gefahr, in die Mittelmäßigkeit abzurutschen.

Format: Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach eine Elite-Uni?

Casper: Zwei einfache Faktoren: die Qualität der Professoren und die Qualität der Studenten. Wie bekommt man aber gute Professoren? Indem man gute Studenten hat. Und das Ganze funktioniert auch umgekehrt. Das ist das Herz einer Eliteuniversität.

Format: Welche Voraussetzungen müssen dafür geschaffen werden?

Casper: Die Eliteförderung in Europa wird durch den Umstand erschwert, dass sich die Universitäten die Studenten nicht aussuchen können. Die Hochschulen sind überlaufen. An der Universität Padua sind etwa achtzigtausend Studenten inskribiert. Das ist Unsinn, so kann man keine Universität betreiben.

Format: Wo liegt bei den Studentenzahlen die Grenze des Machbaren?

Casper: Wir haben in Stanford für 15.000 Studenten 1.600 Professoren. Das Betreuungsverhältnis ist also besser als eins zu zehn. Alles, was mehr als eins zu zwanzig ist, kann nicht funktionieren. Das Verhältnis von Professoren zu Studenten ist der wichtigste Faktor für eine gute Ausbildung.

Format: Nach welchen Kriterien soll eine Universität Studenten auswählen?

Casper: Ich bin für den Numerus clausus und Studiengebühren. Die hohen Studentenzahlen an den europäischen Hochschulen drücken das Ausbildungsniveau.

Format: Das ISTA wird massiv von der Wirtschaft finanziert. Eine gute Idee?

Casper: Das ist problematisch und geht in die falsche Richtung. Denn die Unternehmen sind primär ihren Aktionären verantwortlich. Stattdessen können die Universitäten Privatpersonen als Mäzene gewinnen.

Format: Wie viel Geld ist für eine Spitzenuniversität notwendig? In Österreich ist von 570 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren die Rede.

Casper: Das hängt vom wissenschaftlichen Programm ab. Man braucht keine zwei Milliarden, aber alle Geldsummen, die ich bisher im Zusammenhang mit der österreichischen Eliteuniversität gehört habe, erscheinen mir als zu gering.

Format: Wie viel Einfluss soll der Staat auf die Universitäten haben?

Casper: Sehr wenig. Ohne Autonomie und Eigenverantwortung funktioniert eine gute Hochschule nicht. Die Universitätsreformen in Österreich haben da einiges verändert. Ich habe als Präsident von Stanford sehr viel Zeit mit Problemen der Regulierung verbracht.

Format: Derzeit versucht Österreich, Spitzenforscher ins Land zu holen. Wie schafft man das?

Casper: Man lockt sie durch die Qualität der Arbeitsbedingungen. Was Österreich betrifft, hatte ich im Vorjahr ein interessantes Erlebnis: Ich habe in Singapur einen dort tätigen österreichischen Professor getroffen. Ich habe ihn gefragt: Warum sind Sie nicht in Österreich? Er sagte: Hier hat man mir gesagt, was ich tun soll, und mir dafür Geld gegeben. Alles wird offen diskutiert, es gibt keine politischen Seilschaften. Das war in Singapur.

Format: Welchen Ruf haben österreichische Forscher im Ausland?

Casper: Österreich ist auf einigen Gebieten sehr gut, sogar Weltklasse wie etwa mein Freund Anton Zeilinger. Es wird aber wenig Chancen geben, dass es eine österreichische Universität im weltweiten Hochschul-Ranking unter die Top Ten schafft. Österreich kann seine Stellung aber behaupten, indem gezielt auf den heutigen Stärken aufgebaut wird.

Format: Wie sehr ist der Standort einer Eliteuniversität für ihren Erfolg entscheidend?

Casper: Er ist absolut wichtig. Um die besten Professoren und Studenten anzuziehen, muss die Lage der Hochschule attraktiv sein. In der metaphorischen Wüste und der intellektuellen Isolation gibt es nicht genügend Möglichkeiten für den Austausch mit anderen Experten.

Format: Welche Chancen geben Sie dem Projekt in Gugging?

Casper: Es wird schwierig, dort zu reüssieren, aber es ist nicht unmöglich. Eine Eliteuni aufzubauen wird mindestens zwanzig Jahre dauern. Man muss einen weiten Zeithorizont haben. Die finanziellen Mittel müssen auf viele Jahre gesichert werden.

Die ganze Story finden Sie in der aktuellen Ausgabe von FORMAT!

17.3.2006 11:12