Samstag, 11. März 2006

UNO-Tribunal präsentiert Autopsie-Ergebnis: Slobodan Milosevic erlag einem Herzinfarkt!

  • Verteidiger mit schweren Vorwürfen gegen Gericht
    Beisetzung in Belgrad, aber kein Staatsbegräbnis
  • PLUS: Porträt und internationale Pressestimmen

Der jugoslawische Ex-Präsident Slobodan Milosevic ist nach ersten Ergebnissen der Autopsie an einem Herzinfarkt gestorben. Das teilte das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag nach einer Obduktion des Leichnams am Sonntagabend mit. Milosevic wird in Belgrad beigesetzt.

Milosevic war am Samstagmorgen tot in seiner Zelle im UN-Gefängnis im niederländischen Scheveningen gefunden worden. Seine Anhänger nährten Spekulationen, er sei ermordet worden. Das UN-Kriegsverbrechertribunal wies dies zurück. Der 64-Jährige hatte in der Vergangenheit wiederholt über Herzprobleme geklagt.

Zwei Herzkrankheiten führten zu Infarkt
Laut einer Kurzfassung des Autopsieberichts sei Milosevic einem Herzinfarkt erlegen, teilte das UN-Tribunal mit. Die Ärzte hätten bei ihm zwei Herzkrankheiten festgestellt, die den Infarkt verursacht haben könnten. Gerichtsmediziner hatten Milosevics Leiche am Sonntag mehr als vier Stunden lang autopsiert.

Milosevic befürchtete Vergiftung
Milosevic hat offenbar geglaubt, dass man ihn im Gefängnis mit Medikamenten gegen Lepra vergiften wolle. Nach Angaben seines Anwaltes Zdenko Tomanovic wandte sich Milosevic am Freitag mit einem Schreiben an den russischen Außenminister Sergej Lawrow, um seine Hilfe zu erbitten. "Ich bin der Ansicht, dass die hartnäckigen Bemühungen, mir die ärztliche Behandlung in Russland zu verweigern, eine Folge der Angst sind, dass eine genaue fachliche Analyse die aktiven Versuche, meine Gesundheit zu zerstören, an den Tag bringen würden, die vor russischen Experten nicht zu verbergen wären", hieß es in dem Schreiben von Milosevic.

Bei Untersuchungen seines Blutes am 12. Jänner seien darin hohe Dosen eines Medikamentes gefunden worden, das normalerweise bei der Behandlung von Lepra oder Tuberkulose verwendet wird, hieß es weiter. Der niederländische Fernsehsender NOS berichtete, bei Untersuchungen vor Milosevics Tod seien darin "fremde Substanzen" gefunden worden. Diese hätten die Wirkung von Milosevics Medikamenten zur Behandlung von Bluthochdruck und Herzproblemen aufgehoben. Das UNO-Tribunal hatte am 24. Februar einen Antrag von Milosevic, sich wegen seiner gesundheitlichen Probleme in Moskau ärztlich behandeln zu lassen, abgelehnt.

Verteidiger: "Den Haag hatte Interesse am Verschwinden von Milosevic"
Der französische Starverteidiger von Milosevic, Jacques Vergès, hat das Haager Gericht als "Mördertribunal" bezeichnet. Man habe ein Interesse am Verschwinden von Milosevic gehabt, weil es nicht gelungen sei, die Anklagen gegen ihn zu rechtfertigen. "Wenn die serbische Regierung morgen Serben nach Den Haag ausliefert, trägt sie die Verantwortung für ihre Ermordung", sagte Vergès.

Das Tribunal habe dem seit Jahren kranken Milosevic "die medizinische Freiheit" verwehrt und "alles getan, damit sein Zustand sich verschlimmert", sagte Vergès. Milosevic habe nicht einmal spazieren gehen dürfen. Er habe "zu Recht diesem Tribunal misstraut", das regelwidrig vom UNO-Sicherheitsrat geschaffen worden sei und 22 Mal das Vorgehen geändert habe. Der Prozess habe nicht das von der Anklage gewünschte Ergebnis gebracht, sagte Vergès.

Serbischer Präsident gegen Staatsbegräbnis
Der serbische Präsident Tadic hält ein von der Milosevic-Partei ins Spiel gebrachte Staatsbegräbnis für "absolut unangemessen angesichts der Rolle, die Milosevic in der jüngsten serbischen Geschichte gespielt hat". Tadic werde zudem die wegen Machtmissbrauchs angeklagte Mirjana Markovic nicht begnadigen. Der Chef der ultranationalistischen Radikalen Serbischen Partei (SRS), Tomislav Nikolic, hatte ein Gnadengesuch zu Gunsten Markovics angekündigt, damit Milosevic in Belgrad beerdigt werden könne. Mirjana Markovic ist seit 2003 auf der Flucht, seitdem sie in Serbien wegen Machtmissbrauchs angeklagt und ein internationaler Haftbefehl gegen sie ausgestellt worden war.

Markovic sagte weiter, das UN-Kriegsverbrechertribunal habe ihren Mann getötet, weil es "keine Gründe für eine Verurteilung hatte und ihn nicht freilassen konnte". Es handle sich um eine "geplante physische Liquidierung 37 Stunden vor dem Ende des Prozesses". Milosevic sei zuletzt "furchtbar erschöpft" gewesen und "alles ist auf das zugelaufen, was am Samstag passiert ist", sagte Markovic weiter. Das Tribunal habe ihrem Mann nicht gestattet, sich behandeln zu lassen, obwohl ein Gremium internationaler Ärzte dies empfohlen habe.

Rice: "Eine der unheilvollsten Mächte in Europa seit langem"
US-Außenministerin Condoleeza Rice hat Milosevic als "eine der unheilvollsten Mächte in Europa seit langem" bezeichnet. Möglicherweise wäre es besser gewesen, wenn Milosevic wegen der Gräueltaten in den Balkankriegen verurteilt worden wäre, sagte Rice. Das "Urteil der Geschichte" sei jedoch bereits eindeutig gefällt worden.

Gesundheitliche Probleme beeinträchtigen Verfahren
Wegen gesundheitlicher Probleme Milosevics musste das Verfahren mehrmals unterbrochen werden. Zuletzt hatte er darauf gedrungen, zur medizinischen Behandlung nach Moskau ausreisen zu dürfen, weil sich sein Gesundheitszustand drastisch verschlechtert habe. Das UN-Tribunal lehnte dies im vergangenen Monat jedoch ab. Ebenso wurde nach seine Tod nun der Antrag seines Verteidigers abgewiesen, seine Leiche in Moskau obduzieren zu lassen. In Russland lebt Milosevics Bruder Bronislav, auch seine Frau und sein Sohn werden dort vermutet. (apa/red)

11.3.2006 13:05