"Gegen Restitution": Historiker Norman Finkelstein im NEWS-Exklusiv-Interview
- Kultusgemeinde: "Ein jüdischer David Irving"
Der amerikanische Historiker Norman Finkelstein, der mit seinem Buch "Holocaust-Industrie" weltweite empörte Diskussionen auslöste, wendet sich in einem Exklusiv-Interview in der neuen Ausgabe von NEWS gegen die aktuelle Debatte um die Restitution von Kunstwerken. Finkelstein: "Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern, die den Holocaust überlebten, übermäßig an Restitutionsfragen interessiert waren. Die trauerten eher um all die umgekommenen Verwandten. Die Reichen konnten sich retten und verloren ein paar Bilder und Immobilien. Die Armen starben in den KZs. Die ganze Kunstrestitutionsfrage betrifft eine Handvoll Leute."
Anlass des Interviews ist das bevorshehende Erscheinen von Finkelsteins aktuellem Buch "Antisemitismus als politische Waffe" (22. März, Piper), das wegen seiner radikal anti-israelischen Haltung in den USA erbittert diskutiert wurde. Finkelstein im NEWS-Interview zum israelisch-palästinensischen Konflikt: "Die Palästinenser zerstören nicht israelische Häuser, Foltern nicht ihre Gefangenen, exekutieren nicht israelische Führer (...) Alle Zeitungen folgen in den USA wie Schafe den führenden Blättern. Hinzu kommen geschichtliche Fakten wie der Holocaust, der bei vielen eine automatische Reaktion zum vorsichtigen Umgang mit jüdischen Themen auslöst - oder der Hang der Deutschen zur Selbstzerfleischung."
Und zum neuen Antisemitismus: "Natürlich gibt es persönliche Vorurteile gegenüber Juden, doch die haben exakt null Einfluss auf deren Stellungen in Bildungseinrichtungen, am Arbeitsplatz, im Wohnbereich. Leute haben Vorurteile gegen alles mögliche (...) Aber gibt es eine breite gesellschaftliche Diskriminierung? Nein."
Über den Karikaturenstreit äußert sich Fikelstein im NEWS-Interview so: "Ich hätte mir von den Medien auch so viel Mut gewünscht, als Judenorganisationen gegen eine ,antiisraelische Zeichnung im ,New Statesman Sturm liefen. Alle sind sofort in Deckung gegangen, haben sich gleich brav entschuldigt. Die ganze Kampagne für Pressefreiheit ist Heuchelei solange es unterschiedliche Standards im Umgang mit möglichem Antisemitismus und der Verunglimpfung des Propheten Mohammed als Bombenwerfer gibt."
Über den Wahlsieg der Hamas und Sharon: "Jetzt ist das Geschrei im Westen nach einem Hamas-Boykott groß. Ich kann mich nicht entsinnen, dass es ähnliche Proteste gab, als Israel mit Sharon einen Massenmörder zum Premier wählte. Und was man der Hamas zu Recht an Verbrechen vorwirft, hat die USA in einer Woche in Faludscha zu verantworten." Sharon habe sich keineswegs geändert. "Alle Grundsteine für den permanenten Landraub an den Palästinensern, besonders rund um Jerusalem, wurden einzementiert (...) Die tränenreichen Räumungen in Gaza war reine Show: Die Spielbergisierung des Israelisch-Palästinensischen Konfliktes (...) Ich finde die Forderungen der Hamas gar nicht übertrieben: Wir sollen uns entwaffnen? Entwaffnet ihr doch auch! Ihr wollt, dass wir keine Zivilisten angreifen? Dann stellt eure Attacken auf unsere ein! Ihr wollt, dass wir Israel anerkennen? Keine israelische Regierung hat jemals das Recht der Palästinenser anerkannt, in den von der internationalen Gemeinschaft vorgesehenen Grenzen zu leben."
Finkelstein zum Iran: "Der Iran hat das internationale Recht noch nicht verletzt. Und wenn es um den Atomwaffensperrvertrag geht, dann bleibt stets unerwähnt, dass den Israel erst gar nicht unterschrieben hat. Und was die Gefahren betrifft: Die Leute, die hier in den USA am Ruder sind, sind Verrückte und Fanatiker - und bedrohen den Weltfrieden wie keine andere Nation."
Die Israelitische Kultusgemeinde Wien kommentiert das Interview in einer Stellungnahme für NEWS scharf: "Der israelische Minister Sharansky spricht vom Antisemitismus dann wenn Israel oder Juden dämonisiert, delegitimisiert oder mit doppelter Moral gemessen werden - unabhängig von der herkunftsmäßigen Zugehörigkeit des antisemitischen Akteurs. Die Aussagen Finkelsteins entsprechen genau obiger Definition. Seine Funktion ist besonders perfide, können doch so antisemitische Argumente mit dem Anschein gesellschaftlicher Legitimität vorgetragen werden. In einer Buchbeschreibung auf der Website des Dokumentationszentrums des österreichischen Widerstandes wird er als "jüdischer David Irving" charakterisiert. Assimilationswillige jüdische Intellektuelle seines Schlages mit dem ihnen eigenen "Stockholmsyndrom - der Identifikation des Opfers mit dem Täter" werden zu Lieblingen extrem rechter und extrem linker Antisemiten. (...) Aus diesem Hintergrund heraus sind seine im NEWS-Interview vorgebrachten geschichtlichen Halbwahrheiten, die Verniedlichung antisemitischer Bedrohungen, der Hinweis auf Menschrechte der Täter ohne Hinweis der Menschenrechte der Terroropfer, seine Sympathie für die Anliegen der offen rassistischen Hamas oder des Iran, und seine ablehnende Einstellung gegenüber der Restitution, zu sehen."
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