Jagd auf Kinderbanden: Kriminelle Kids immer jünger, Gewaltbereitschaft steigt
- NEWS: Kindergang verübte 166 brutale Raubüberfälle
- Täter strafunmündig: Polizei hat oft keine Handhabe

Räuber mit 13: Eine Wiener Kindergang verübte in zwei Monaten 166 brutale Raubüberfälle. Psychologen warnen: "Die Gewaltbereitschaft der Jugendlichen wird größer." NEWS über das Phänomen der Verbrecherkinder.
Freitag vorletzter Woche, 17 Uhr. Im Kommissariat Leopoldsgasse in Wien treffen sich 15 Beamte der Kriminalpolizei und Sicherheitswache zur Einsatzbesprechung. "Auch heute", erklärt Cheffahnder Karl Kmoch, "werden wir in den Stationen der Linie U6 nach unseren üblichen Verdächtigen Ausschau halten, sie eventuell perlustrieren und nötigenfalls einvernehmen." Die "üblichen Verdächtigen" - Kinder, viele von ihnen 13, einzelne sogar erst zehn Jahre alt.
Kriminelle Kids
Es ist 17.30 Uhr, als die Polizeiaktion beginnt. Jene Tageszeit, wie die Beamten wissen, zu welcher die Kinderbanden mit ihrem - inzwischen täglichen - "Räuber-und-Gendarm-Spiel" beginnen. Doch tatsächlich ist es bitterer Ernst - denn die Kids sind echte Räuber, verfolgt von echten Ermittlern. Und die Delikte sind Raub, gefährliche Drohung, Körperverletzung.
Bereits wenige Minuten nachdem die Patrouille losgestartet ist, ertönt eine "eindeutige Meldung" aus den Funkgeräten der Einsatzkräfte: "Raubüberfall in der Vorgartenstraße. Tatverdächtig sind zwei Jugendliche. Ein Opfer ist verletzt, geraubt wurde ein Handy und Bargeld ..."
Schon 166 ähnliche Causen haben die Beamten des Kriminalkommissariats Wien Zentrum/Ost seit 1. Jänner 2006 registriert. Überfälle, die immer nach dem gleichen Schema stattfinden: Eine aus mehreren Kindern bestehende Gruppe sucht nach Schwächeren, bedrängt sie. "Gib mir alles, was du hast!", schreit dann der Rädelsführer. Daraufhin folgen sofort die ersten Schläge, und selbst, wenn das Opfer längst seine Taschen geleert hat, ist das Martyrium oft noch nicht zu Ende: Es hagelt Tritte, Drohungen, Beschimpfungen. Die erbeuteten Handys werden später an Dealer verkauft, der Erlös in Spielhallen verzockt.
Kinderkriminalität steigt
Fakt ist: Die Gewaltbereitschaft der Kinder steigt laufend. Gab es 2001 bei den Zehn-bis 14-Jährigen österreichweit 528 Fälle von vorsätzlicher Körperverletzung, waren es 2004 bereits 704. "Immer öfter haben die Banden Schlagringe, Baseballschläger oder sogar Gaspistolen bei sich", sagt Karl Kmoch, der dem Phänomen rechtlich hilflos gegenübersteht. Denn in Österreich gilt erst ab 14 die Strafmündigkeit, gegen jüngere Buben und Mädchen gibt es keine gesetzliche Handhabe. Nur die Eltern könnten regulierend einschreiten. Doch: Der Großteil der Gangmitglieder stammt aus desolatesten Familienverhältnissen. "Den Müttern und Vätern der Täter", resümiert Kmoch, "ist es in der Regel leider egal, ob ihre Kinder die Schule besuchen, ob sie abends daheim sind und wie sie ihre Freizeit verbringen."
Polizei hat keine Handhabe
Die beinahe einzige Präventionsmöglichkeit der Exekutive: ständig in den Revieren der Banden präsent zu sein.
Inzwischen sind die Mehrfachtäter den Polizisten freilich wohlbekannt. Erst kürzlich wurde etwa der 13-jährige Branko nach einem Raub ertappt, auf das Kommissariat gebracht, ermahnt und wieder laufen gelassen. Nur wenige Minuten später raubte er das nächste Handy. "Und alle unsere Warnungen", erklären die Ermittler, "hatten wieder einmal nichts genützt."
Auch Ilona erzählt stolz, dass sie kürzlich ein anderes Mädchen bei den Haaren gepackt, seinen Kopf mehrmals gegen ihr Knie geschlagen und anschließend das Handy ihres Opfers geraubt hat. "Ich wollte die Kleine halt Meier machen", berichtet Ilona lächelnd, "und sowieso", sagt sie weiters, "kann mir ja die Polizei nichts anhaben - weil ich doch erst 13 bin."
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