Samstag, 25. Februar 2006

Lage im Irak wieder immer explosiver: Wieder zahlreiche Todesopfer bei Anschlag

  • Zwölf Mitglieder einer schiitischen Familie getötet
  • Autobombe auf Markt in Kerbala explodiert: Sechs tot

Die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten im Irak haben sich auch am Samstag fortgesetzt. Trotz einer Ausgangssperre überfielen Bewaffnete in der Provinz Diyala am Samstag ein Wohnhaus und töteten 13 Mitglieder einer schiitischen Familie, wie die Polizei mitteilte. Bei den Opfern handle es sich um Männer im Alter von 20 bis 70 Jahren. Der Überfall ereignete sich in Buhris, einer überwiegend von Sunniten bewohnten Ortschaft 60 Kilometer nördlich von Bagdad.

In der den Schiiten heiligen Stadt Kerbala wurden bei einem Autobombenanschlag mindestens fünf Menschen getötet und mehr als 30 verletzt, wie die örtlichen Gesundheitsbehörden mitteilten. Das Innenministerium in Bagdad sprach sogar von acht Toten. Gouverneur Aqeel al-Khazali sagte gegenüber der Nachrichtenagentur AP, der mutmaßliche Täter sei festgenommen worden. Er sei unmittelbar nach dem Anschlag mit der Fernsteuerung entdeckt worden, mit der er die Autobombe gezündet habe.

Der Mann habe eingeräumt, dass er die Bombe eigentlich in der Nähe der Grabmoscheen der schiitischen Imame Hussein und Abbas habe zünden wollen, sagte der Gouverneur. Wegen der im Vorfeld des schiitischen Ashura-Fests verschärften Sicherheitsbedingungen habe der Täter aber nicht zu den Moscheen vordringen können.

Keine Ausgangssperre in Kerbala
Anders als in den Provinzen Bagdad, Babil, Diyala und Salahaddin war in Kerbala keine Ausgangssperre verhängt worden. In den vier mittelirakischen Provinzen sollten die Einschränkungen bis 16.00 Ortszeit (14.00 Uhr MEZ) gelten. Außer in Diyala wurde aber auch in Bagdad trotz Ausgangssperre ein gewaltsamer Übergriff gemeldet: Bewaffnete schossen auf den Trauerzug für eine am Mittwoch getötete Al-Arabiya-Journalistin und töteten drei Menschen.

Zudem wurde das Haus eines führenden sunnitischen Moslems in Bagdad beschossen. Die Angreifer seien vor dem Haus des Präsidenten der Organisation moslemischer Kleriker, Harith al-Dari, vorgefahren und hätten es unter Beschuss genommen, teilte seine Organisation mit. Daris Leibwächter hätten das Feuer erwidert. Bei dem Schusswechsel seien zwei Nichten Daris verletzt worden. "Dahinter stecken Regierungstruppen", sagte Dari am Telefon gegenüber dem Fernsehsender Al Arabiya.

Zwölf Landwirte erschossen
In einem Obstgarten in der Nähe von Bakuba wurden am Samstag nach Angaben eines Reporters der Nachrichtenagentur AFP ohne erkennbares Motiv zwölf Landwirte erschossen. Die Leichen wurden im Süden der Stadt von den Angehörigen gefunden. Unter den Opfern der Bluttat befanden sich Sunniten und Schiiten.

Trotz der anhaltenden Gewalt deutete das wichtigste sunnitische Parteienbündnis Irakische Eintracht eine Rückkehr zu Gesprächen über eine Regierungsbildung an. Sie werde ihren Rückzug aus den Verhandlungen mit Schiiten und Kurden überdenken, erklärte die Gruppe am Samstag. Mit dem Ausstieg aus den Gesprächen hatte die Irakische Eintracht auf gewaltsame Übergriffe auf Sunniten am Mittwoch und Donnerstag reagiert. Ausgebrochen war der Konflikt nach einem Anschlag auf eines der wichtigsten schiitischen Heiligtümer, die Goldene Moschee in Samarra.

Solana warnt vor Bürgerkrieg
Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana äußerte unterdessen die Befürchtung, dass der Irak in einen Bürgerkrieg abgleiten könnte. "Die Bombenanschläge auf den Askariya-Schrein in Samarra, die wahllosen Tötungen sowie die Anschläge auf Moscheen zielen klar darauf ab, den Wiederaufbauprozess im Irak zu untergraben", sagte Solana gegenüber der deutschen Zeitung "Bild am Sonntag".
(apa/red)

25.2.2006 10:19