Freitag, 24. Februar 2006

Slobodan Milosevic bleibt in Haft: Tribunal befürchtet, dass er sonst nicht zurückkehrt

  • Ex-Staatschef wollte sich in Moskau behandeln lassen
  • Milosevics Frau und sein Bruder leben in Russland

Das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien hat den Antrag des ehemaligen jugoslawischen Staatschefs Slobodan Milosevic auf vorläufige Freilassung zwecks ärztlicher Behandlung in einer Moskauer Klinik abgewiesen. Der Belgrader Sender B-92 meldete, dass der Tribunalssenat, der für die Causa Milosevic zuständig ist, den Einwand der Anklage berücksichtigt habe.

Die Anklage hatte sich der Freilassung widersetzt und Befürchtungen geäußert, dass Milosevic womöglich nicht mehr nach Den Haag zurückkehren würde. Der Tribunalssenat sei auch nicht überzeugt, dass es keine andere Klinik auf der Welt gebe, in der Milosevic behandelt werden könnte, meldete der Sender.

Milosevic hatte im Dezember einen Antrag auf vorläufige Freilassung zwecks Behandlung in Moskau gestellt. Der jugoslawische Ex-Staatschef leidet an Bluthochdruck, der nach ärztlichen Angaben auch Organschäden bewirkt hat.

In der russischen Hauptstadt leben sowohl seine Gattin Mira Markovic als auch sein Bruder Borivoj Milosevic. Auch Milosevics Sohn Marko wird in Russland vermutet. Die ehemalige Vorsitzende der serbischen Kommunisten kann ihren Gatten bereits seit drei Jahren nicht mehr im Tribunalsgefängnis besuchen. Gegen Mira Markovic ist ein Interpol-Haftbefehl aufrecht. Sie wird des Amtsmissbrauchs verdächtigt.

Mindestens einer von sechs flüchtigen Haager Angeklagten - der ehemalige serbische Polizeispitzenfunktionär Vlastimir Djordjevic - soll seit Jahren in Russland leben. Der Prozess gegen Milosevic läuft seit Februar 2002. Ein Urteil wird für 2007 erwartet.

Entrüstung in Russland
Mit Entrüstung haben russische Politiker auf die Weigerung des UNO-Tribunals in Den Haag reagiert, Milosevic zu einer Klinikbehandlung nach Moskau reisen zu lassen. Obwohl sich Milosevics Gesundheitszustand verschlechtere, habe das Gericht den "humanitären Aspekt" ignoriert, sagte der Leiter des außenpolitischen Ausschusses der Staatsduma, Konstantin Kossatschow.

Der stellvertretende Duma-Vorsitzende Sergej Baburin von der Fraktion Rodina (Heimat) vermutete hinter der Absage des UNO-Tribunals an Milosevic politische Motive. Der Westen habe kein Interesse daran, dass sich ein gesunder Milosevic im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte vor Gericht verteidigen könne, sagte Baburin nach Angaben der Agentur Interfax.

(apa/red)

24.2.2006 09:53