Mittwoch, 12. Juli 2006

Schüssels Wahl-Glück liegt in der Hand von H.-P. Martin

Josef Votzi über die paradoxe Startaufstellung für den Wahlkampf: Eine noch schmächtige Ein-Mann-Partei stellt die Weichen für die neue Machtverteilung in Österreich.

Szene 1 spielt am vergangenen Donnerstag beim Heurigen „Fuhrgassl-Huber“ in Wien-Neustift. Hauptdarsteller: ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel und eine hochkarätige Entourage aus Ministern und VP-Spitzenleuten. Der Abend ist sommerlich heiß, die Reden lau, die Stimmung höchst heiter. Spitzenthema an den Heurigentischen: Ob nach dem ÖGB nun auch die SPÖ im unfassbaren Drei-Milliarden-Euro-Sumpf Bawag versinken wird. Das Thema, das die wahren VP-Mächtigen hinter vorgehaltener Hand aber noch mehr bewegte: Schafft es Peter Westenthaler, den welken Orangen neues Leben einzuhauchen und wieder ins Parlament einzuziehen? Die unausgesprochene Hoffnung der Kanzlerpartei: Schüssel legt auf seinen 42-Prozent-Wahltriumph 2002 noch ein bissel etwas drauf. Das BZÖ hüpft im Wahlfinish mithilfe der ORF-Götter über die Wahl-Mindesthürde von 4 Prozent. Dann wird das möglich, wovon der schwarze Kanzler in Wahrheit nach wie vor träumt – eine Neuauflage der schwarz-orangen Koalition. Denn so billig, wie es die Orangen geben, kriegt es Wolfgang Schüssel nirgendwo in der politischen Welt. Paradoxe Politwelt 2006: Haider-Klon Peter Westenthaler, die letzte Hoffnung des Kanzlers, das Land noch einmal vier Jahre praktisch im Alleingang zu regieren.

Szene 2 spielt diesen Montag im Park des Schlosshotels Altmannsdorf in Wien-Meidling. Hauptdarsteller: SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer und eine – überraschend große – Schar an hochkarätigen Parteifreunden und Polit-Adabeis. Die Stimmung ist weitaus besser als die Lage. Spitzenthema auch hier die Bawag – am liebsten gesehen aus Sicht des total unschuldigen Opfers. Die Frage aber, die alle Spitzenroten, die nicht nur ohnmächtig ins Glas weinen, bewegt, heißt in allen Ecken und Winkeln des prächtigen Schlossparks: Kandidiert Hans-Peter Martin ähnlich erfolgreich wie bei der EU-Wahl auch bei der Nationalratswahl im Herbst? Die plötzlich wieder grenzenlos liebevollen Hoffnungen, die die Spitzenroten in den bis vor kurzem noch total verhassten Ex-EU-Spitzenkandidaten der unglückseligen Ära Viktor Klima setzen: Fischt mit der Liste Hans-Peter Martin neben Strache und Westenthaler ein dritter Mann im Teich der Proteststimmen, platzt der Traum Schüssels auf Fortsetzung seiner allmächtigen Alleinregierung mit seinem armseligen orangen Wurmfortsatz. Paradoxe Wahlkampfwelt 2006: Die Ein-Mann-Partei Hans-Peter Martin als derzeit einziger Lichtblick am trüben Erfolgshorizont des großen SPÖ-Vorsitzenden Alfred Gusenbauer.

Zum Wahlkampfstart 2006 ist vieles offen wie nie. Die paradoxe Startaufstellung steht aber unverrückbar fest: Bei der Wahl 2006 führt am Ende des Wahltages nicht die unangefochtene Nr. 1 des Landes, Wolfgang Schüssel, Regie. Die entscheidenden Weichen für die nächste Regierungsbildung stellt die Ein-Mann-Partei Hans-Peter Martin. Das Wahlglück Wolfgang Schüssels liegt 2006 in der Hand des EU-Rebellen aus Vorarlberg: Zieht Hans-Peter Martin ins Parlament ein, werden die politischen Karten ab Herbst tatsächlich neu gemischt. Denn bei sechs Parteien kann sich selbst die ÖVP keine 40 Prozent Plus mehr vom Wählerkuchen abschneiden. Und dass Haiders schwachbrüstige Klon-Partei den Rest auf die Mehrheit auf die Waage bringt, glaubt nicht einmal der blauäugigste Orange. Wenn Schwarz-Orange endgültig tot ist, muss der Kanzler entweder mit den politisch weitaus teureren Grünen ins Koalitionsgeschäft kommen. Oder gar mit den ungeliebten Roten, die er schon im Bawag-Sumpf verrotten sah. Mit voraussichtlich sechs Parteien bietet so die Stimmabgabe 2006 erstmals Wahlmöglichkeiten wie nie. Mit allen Vorteilen für den Souverän: Das landläufige Vorurteil „Es ist wurscht, wen ich wähle. Die machen ohnehin, was sie wollen“ gilt heuer weniger denn je. Ein echt spannender Wahlkampf ist eröffnet.

12.7.2006 15:48