Mittwoch, 21. Dezember 2005

Immer wieder Entführung von Ausländern im Jemen: Meist mit glimpflichem Ausgang

  • Außenministerium rät von Individualreisen ab

Im Jemen wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Ausländer entführt, meist von Stammesangehörigen, die damit die Regierung und Ölfirmen erpressen wollten und staatliche Leistungen oder den Bau von Straßen und Krankenhäusern verlangten. Meist kamen die Ausländer nach Verhandlungen unverletzt wieder frei. Am Mittwoch wurden laut internationalen Agenturmeldungen zwei Österreicher - vermutlich ein Ehepaar - Opfer eines Kidnappings.

Das österreichische Außenministerium weist auf seiner Homepage auf eine erhöhte Sicherheitsgefährdung in dem südarabischen Land hin. Es rät von Individualreisen ab und empfiehlt, "Gruppenreisen zu buchen und Reisen im Lande selbst nur mit zuverlässigen und erfahrenen Reiseagenturen zu unternehmen".

Erst im November waren zwei Schweizer Touristen in der Bergprovinz Marib östlich der Hauptstadt Sanaa von einem Stammesführer verschleppt worden. Das Ehepaar wurde nach einem Tag wieder frei gelassen. Hintergrund der Tat war offenbar eine private Angelegenheit: Der Bruder des Entführers soll zuvor wegen Autodiebstahls festgenommen worden sein. Die Freilassung erfolgte, nachdem die jemenitischen Behörden angeblich Zusagen zu dessen Schicksal gemacht hatten.

Immer öfter Zusammenstöße Armee - Rebellen
Die Zentralregierung in Sanaa kämpft bei vielen von Stammesvertretern bestimmter Regionen um ihre Anerkennung. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Gefechten zwischen der Armee und Rebellen. 1999 errichtete die Regierung einen Sondergerichtshof, der eigens für Entführungsfälle von Ausländern und Sabotage-Fälle zuständig.

Unter den Entführten waren Deutsche, Briten und Kanadier und neben Touristen auch Diplomaten, Wirtschaftstreibende und Angestellte von Ölfirmen. Im Jahr 2000 starb ein norwegischer Diplomat in einem Feuergefecht zwischen seinen Entführern und Sicherheitskräften. 2001 hielten Kriminelle einen Mitarbeiter der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in Sanaa fast zwei Monate lang in Marib fest, ehe ihn die Armee nach offiziellen Angaben befreite.

Mercedes-Manager verschleppt
Ende desselben Jahres wurde ein Mercedes-Manager zum Opfer einer Verschleppung von Angehörigen des Stammes El Rabeah. Soldaten stürmten schließlich das Versteck der Geiselnehmer und befreiten den Geschäftsmann nach zehn Tagen.

Im August des Vorjahres kidnappten Stammeskämpfer vier Ingenieure einer kanadischen Ölfirma für einige Stunden - wieder in der Unruheprovinz Marib, wo sich laut Geheimdienstkreisen islamistische Extremisten verstecken sollen. Dass die Grenze zwischen Kriminalität und Terrorismus im Jemen fließend sein können, zeigt auch das Beispiel der Erschießung eines amerikanischen und eines kanadische Mitarbeiters einer westlichen Ölfirma im März 2003. Die Tat stand offenbar mit dem bevorstehenden Angriff der Koalition um die USA auf den Irak in Zusammenhang.

Obwohl sich der Jemen nach den Anschlägen am 11. September in den USA dem Anti-Terror-Krieg Washingtons anschloss - mehr 100 Terrorverdächtige wurden in der Folge festgenommen, 150 US-Soldaten kamen zur Ausbildung der Armee ins Land - gelten die zerklüfteten Gebirge der Republik als sicherer Unterschlupf für die Al-Kaida. Osama bin Ladens Vater Mohammad stammte aus der jemenitischen Region Hadramaut. Der 2002 in Pakistan verhaftete Ramzi Binalshibh gilt als einer der Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon. Immer wieder gab es Anschläge gegen westliche Einrichtungen.

Außenministerium warnt vor Reisen in bestimmte Landesteile
Einige Gebiete des Jemen sollten dem Außenamt zufolge gemieden werden. Dies gelte insbesondere für die nördlichen und nordöstlichen Landesteile und die Provinzen Al-Djauf, Shabwa, Sadah und Marib. "Die Regierung geht dort militärisch gegen Elemente der Al Kaida vor, seit Ende März kommt es weiterhin zu sporadischen Feuerwechseln und Razzien gegen Anhänger der Bewegung 'Faithful Youth' von Badreddin Al Houthi", heißt es auf der Homepage weiter.

Die große Mehrzahl der 17 Millionen Jemeniten sind bitter arm. Sie sind zumeist tief gläubige Moslems, die wie vor hunderten Jahren abgeschieden in großen Stammesverbänden leben. Die Gesetzgebung orientiert sich an der islamischen Sharia, viele Frauen sind verschleiert.
(apa)

21.12.2005 21:07