Donnerstag, 22. Dezember 2005

Evolution ist der Renner des Jahres: Jüngste
Beobachtungen untermauern Darwins Lehre

  • Wissenschaftsjournal: Darwin ist der Held des Jahres
  • Verlierer des Jahres: Teilchen-Physik im Untergehen

Nicht, dass Darwin Applaus noch nötig hätte. Aber dieser Tage kommt die Bestätigung seiner fast 150 Jahre alten Evolutionstheorie von allen Seiten. Kaum hat ein Richter den Versuch von Amerikas religiöser Rechten vereitelt, Darwins Theorie von 1859 im Unterricht durch ein christliches Alternativkonzept zu ersetzen, macht das Wissenschaftsjournal "Science" den britischen Naturforscher posthum zum Helden des Jahres. Jüngste Daten und Beobachtungen hätten seine Lehre untermauert und sich den Titel des "wissenschaftlichen Durchbruchs von 2005" verdient.

Das Fachmagazin und sein Herausgeber, die Amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS), würdigen die zehn wichtigsten Forschungsergebnisse des Jahres traditionell in einem Rückblick. In "Science"küren sie auch die "Safaris" ins Planetensystem, den Fund jenes Pflanzen-Gens, das im Frühjahr das Signal zum Blühen gibt, die Entdeckung falscher Verknüpfungen im Hirn des Ungeborenen als Ursache späterer Schizophrenie sowie neue Erkenntnisse über die Entstehung unserer Erde zu den "Rennern von 2005".

Verlierer des Jahres ist nach ihrer Einschätzung die Teilchen-Physik. Zwei große Experimente in den USA seien abgesagt worden und eine von drei existierenden Anlagen werde möglicherweise geschlossen - ein Trend, der auch andere Länder nachteilig beeinflussen könnte. Allerdings habe 2005 Anlass zu verstärkter Hoffnung auf das geplante Globalprojekt "International Linear Collider" gegeben, heißt es. Als Pluspunkt in der Physik sieht die "Science"-Redaktion auch die Entscheidung, den Kernfusions-Testreaktor "ITER" zu bauen. Diese Technik soll später einmal zur Energiegewinnung dienen.

Einen Meilenstein setzten Genomforscher in diesem Jahr mit der Aufzeichnung des Schimpansen-Erbguts. Dieses unterscheidet sich nur in einem Prozent seiner Bausteine (Basenpaare) von dem des Menschen. Der Vergleich beider genetischer Blaupausen soll viele noch verbliebene Rätsel lösen helfen: die Evolution des Homo sapiens, Entwicklung seines aufrechten Gangs und kreativen Hirns sowie den Ursprung seiner Krankheiten. Die Erkenntnisse könnten bessere Pharmawaffen gegen Aids, Herzprobleme oder Hepatitis abwerfen.

Mönchsgrasmücke stopft die Wissenslücke
Etliche Studien von 2005 werfen Licht auf die Frage, die Darwin bis zum Ende seines Lebens in 1882 quälte: Wie entstehen neue Arten? Die Antwort kam unter anderem von der Mönchsgrasmücke. Sie hat sich in Süddeutschland und Österreich an unterschiedliche Bedingungen angepasst. Die Tiere dürften sich mit der Zeit auch genetisch voneinander entfernen, das heißt, dann getrennte Arten darstellen. Überraschend ist für "Science", wie relativ schnell sich dieser Prozess vollzieht.

Als bahnbrechend feiert das renommierte Journal die genetische Entschlüsselung des Erregers, der die Grippepandemie von 1918 hervorgerufen und bis zu 50 Millionen Menschen getötet hatte. Die erst im Oktober vorgestellten Studien zeigen, dass der Erreger ein reines Vogelgrippevirus war, das nur wenige Mutationen brauchte, um dem Menschen extrem gefährlich zu werden. Basierend auf diesem Wissen hoffen Forscher, der Vogelgrippe in Asien und Teilen Europas rechtzeitig die Spitze nehmen und die gefürchtete Pandemie verhindern zu können.

Als wegweisend sehen die "Science"-Redakteure auch Klimastudien an: So habe die Ozeantemperatur bis hinab in die Tiefen zugenommen - wie durch Rechenmodelle vorhergesagt. Die Tropenstürme seien stärker geworden und das Eis der Arktis auf ein Rekordtief geschmolzen. Das alles führe dazu, auch die Meinung in den USA zum Klimaschutz zu ändern.

(apa/red)

22.12.2005 14:52