Montag, 12. Dezember 2005

Diskussion um Geschäftsöffnung auch am Sonntag: Geteilte Meinung im Handel

  • SCS-Chef schwebt "moderate Sonntags-Öffnung" vor
  • Kleine Geschäfte müssten mehr für Angestellte zahlen

In der vor Weihnachten neuerlich aufgeflammten Diskussion um die Sonntagsöffnung sind nicht nur Kirche, Gewerkschaft und Familienverbände dagegen, auch der Handel ist geteilter Meinung. Während die großen Einkaufszentren aus Angst vor Kaufkraftabfluss in die östlichen Nachbarländer auch am Sonntag aufsperren wollen, wollen sich kleinere Handelsunternehmen den offenen Sonntag wegen der teuren Zuschläge, die sie ihren Angestellten zahlen müssten, gar nicht leisten.

Die Gewerkschaft lehnt ein Offenhalten der Geschäfte am Sonntag ab. In Österreich besteht ein Grundkonsens zwischen Gewerkschaft und Kirche, dass der Sonntag arbeitsfrei sein soll, so der Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), Wolfgang Katzian, Sonntagabend in der ORF 2-Diskussionsrunde "Offen gesagt". Es gebe keinen Grund, davon abzurücken. Die Ausweitung der Öffnungszeiten habe für die Handelsangestellten nur Verschlechterungen gebracht. Trotz längerer Öffnungszeiten gebe es jetzt weniger Vollzeitbeschäftigte und mehr Teilzeitkräfte. Bevor nicht etwas für die Beschäftigten getan werde, werde es keine Zustimmung für eine Erweiterung der Öffnungszeiten geben.

Dem Chef der SCS, des größten Einkaufszentrums vor den Toren Wiens, Maurizio Trotta, schwebt eine teilweise oder "moderate Sonntags-Öffnung" vor. Er könnte sich vorstellen, dass die Geschäfte in der SCS an acht Sonntagen im Jahr 5 Stunden am Nachmittag offen halten. Der Vormittag solle "konsumfrei" bleiben. Grundsätzlich müsse man sich an den Wünschen der Konsumenten orientieren. Die SCS hat am Donnerstag bis 21.00 Uhr offen. Der lange Freitag wurde mangels Interesse zurückgenommen.

Sonntagsöffnung ohne Einschränkung verlangte in der Diskussion der Betreiber der Lugner-City, Baumeister Richard Lugner. Einwände des Direktors der Katholischen Sozialakademie, Markus Schlagnitweit, man dürfe den Menschen nicht nur auf einen Konsumenten reduzieren, der Sonntag diene auch dazu, soziale Kontakte, wie an Blasmusikkonzerten und Feuerwehrfesten teilzunehmen, wies Lugner zurück. Er fühlt sich bei den Öffnungszeiten vom "Staat gegängelt". "Warum schreibt uns der Staat vor, wann wir offen halten dürfen?" Den Kaufkraftabfluss in die östlichen Nachbarstaaten durch geschlossene Rollbalken am Sonntag beziffert Lugner mit 7 Prozent. Nach seiner Rechnung würden offene Geschäfte 10 Prozent mehr Umsatz und 10 Prozent mehr Beschäftigte bringen.

Für die Inhaber kleinerer Geschäft bedeutet der offene Sonntag Mehrkosten durch hohe Zuschläge oder den Verlust an Lebensqualität, wenn sie selber im Geschäft stehen. Sowohl ein Vertreter der Wiener Mariahilfer Straße als auch die Inhaberin eines City-Ledergeschäftes, die 12 Händlerkollegen befragt hat, lehnen eine Sonntagsöffnung ab: "Mehrzeit ist nicht immer mehr Umsatz." In die selbe Kerbe schlägt auch GPA-Chef Kazian: "Wir haben ein Kaufkraftproblem, kein Konsumproblem".

Für die Trend- und Markt-Forscherin Helene Karmasin sprechen regelmentierte Öffnungszeiten gegen den Zeitgeist. Die Konsumenten wollen einkaufen, wenn sie Lust dazu haben. Der offene Sonntag würde den "Stimulansprozess" um einen Tag verlängern. Allerdings so, Karmasin: "Mir jagt es einen Schrecken ein, wenn ich mir sage, der Markt kriecht mir bereits in den Sonntag hinein." (apa/red)

12.12.2005 11:42