Evo Morales gewinnt die Präsidentenwahl in
Bolivien: Knapp 50% für Kokabauern-Führer
- "Verantwortung, Geschichte Boliviens zu verändern"
- Konservativer Gegenkandidat Quiroga mit nur 31%
·Indio-Revolutionär mit Sinn für Praxis
Von Minenarbeiter, Koka-Bauern zum Präsidenten
·Südamerika färbt sich weiter "rot"
Mit Morales-Sieg bereits das sechste linke Land
Mit dem Sozialisten Evo Morales bekommt Bolivien voraussichtlich zum ersten Mal einen Indio als Präsidenten. Der linksgerichtete frühere Minenarbeiter eroberte bei der Wahl am Sonntag nach inoffiziellen Prognosen das höchste Staatsamt gleich im ersten Anlauf. "Wir haben gewonnen. Bolivien steht vor dem Beginn einer neuen Geschichte der Gleichheit, Gerechtigkeit und des sozialen Friedens", sagte der sichtlich bewegte Morales vor Anhängern in seiner Hochburg Cochabamba.
Obwohl zunächst noch keine aussagekräftigen offiziellen Ergebnisse vorlagen, gestanden seine beiden schärfsten Rivalen, der Mitterechts- Politiker Jorge Quiroga und der Zement-Millionär Samuel Doria Medina, ihre Niederlage ein und gratulierten Morales zum Sieg. Für den 46- jährigen Führer der Koka-Bauern stimmten nach Berechnungen mehrerer Umfrageinstitute auf Grund von Nachwahlbefragungen und Parallelzählungen von Stimmzetteln 51,3 Prozent. Damit hätte er mit seiner Bewegung zum Sozialismus (MAS) die notwendige absolute Mehrheit erreicht und könnte als erster Indio in der Geschichte des verarmten Landes am 22. Jänner das Präsidentenamt übernehmen.
Hunderttausende Anhänger feiern Sieg
Im ganzen Land feierten hunderttausende Anhänger von Morales den Sieg ihres Kandidaten. Vor allem die mehr als 60 Prozent der neun Millionen Bolivianer, die in Armut leben, setzen in Morales enorme Hoffnungen auf eine schnelle Verbesserung ihrer Lage. Der Wahlsieger versprach die baldige Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung, in der alle gesellschaftlichen Kräfte sich auf einen neuen Gesellschaftsvertrag einigen sollen. Morales zeigte sich am Sonntagabend zuversichtlich, dass der Kongress den Wählerwillen berücksichtigen werde und versprach einen Politikwechsel.
Morales will Koka-Anbau legalisieren
Morales steht für eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft und eine nur kontrollierte Öffnung zu den Weltmärkten. Probleme mit den USA könnte ihm vor allem sein Versprechen einhandeln, den Koka- Anbau zu legalisieren. Die Koka-Blätter werden traditionell von den Indios gekaut, können aber auch zu Kokain weiterverarbeitet werden.
Gasvorkommen werden verstaatlicht
Neben den Rechten der Indios ist die Verstaatlichung der bolivianischen Gasvorkommen das wichtigste Anliegen des 46-Jährigen. Der Umgang mit den heimischen Bodenschätzen ist seit Jahren eines der beherrschenden Themen der bolivianischen Politik: Ende 2003 stürzte Präsident Gonzalo Sanchez de Lozada über Pläne, Erdgas in die USA und nach Mexiko zu exportieren. Seinem Nachfolger Carlos Mesa wurden im Juni dieses Jahres Massenproteste gegen Steuererleichterungen für ausländische Ölkonzerne zum Verhängnis.
Sofern der Kongress Morales wie erwartet als Staatsoberhaupt bestätigt, würde dieser am 22. Jänner den Übergangspräsidenten Eduardo Rodriguez ablösen. Die Amtszeit des Präsidenten beträgt regulär fünf Jahre.
Der ehemalige Präsident Quiroga (45) bot Morales Zusammenarbeit an. Dies sei ein Augenblick, um die Differenzen der Vergangenheit hinter sich zu lassen und den Blick auf eine ruhige, friedliche und harmonische Zukunft zu richten, betonte Quiroga, der auf etwa 31 Prozent kam. Sollte Morales die absolute Mehrheit von 50 Prozent plus mindestens einer weiteren Stimme wider Erwarten doch noch verfehlen, müsste er in einer Stichwahl im Parlament gegen den zweitplatzierten Quiroga antreten. Angesichts des absehbar großen Vorsprung des Führers der Koka-Bauern galt es aber als wahrscheinlich, dass auch die Parlamentarier Morales im Jänner zum Präsidenten wählen würden.
Morales wuchs in bitterer Armut im bolivianischen Hochland auf. Von den sieben Kindern seiner Eltern überlebten nur drei das Säuglingsalter. Er half, die Lamas der Familie zu hüten und Kartoffeln zu ernten, spielte in einer Wandertruppe Trompete und brach die Oberschule ab. Als er 19 war, zog die Familie aus dem Hochland nach Chapare. Dort wurde er Cocalero und 1993 zum Präsidenten der örtlichen Kokabauernvereinigung gewählt.
(apa)
