Samstag, 17. Dezember 2005

Nach Freilassung aus Geiselhaft: Deutsche Susanne Osthoff wird Irak bald verlassen

  • 43-Jährige wird zunächst Tage mit Tochter verbringen
    Auch ihr Chauffeur al-Shimani angeblich in Sicherheit
  • PLUS: Die Chronologie des Geiseldramas im Nordirak

Die im Irak nach wochenlanger Entführung freigelassene Deutsche Susanne Osthoff wird nach den Erwartungen des deutschen Außenministeriums in nächster Zeit das Land verlassen. Sie sei aber "frei in ihrer Entscheidung", wurde im Berliner Auswärtigen Amt betont. Ein Sprecher des Außenministeriums sagte, Osthoff kehre "vermutlich zunächst nicht nach Deutschland zurück".

Sie wolle einige Tage mit ihrer Tochter verbringen. Nach Angaben des Sprechers befindet sich die Freigelassene nach wie vor in der Obhut der deutschen Botschaft in Bagdad. Nach dem ersten Eindruck sei sie in guter körperlicher Verfassung.

Das Außenministerium betonte zugleich, dass Osthoff frei entscheiden könne, ob sie das Land verlasse. Der Staatsminister im Außenministerium, Gernot Erler, sagte in einem Rundfunkinterview, es sei völlig in Osthoffs Hand "zu entscheiden, wann sie ausreist und ob sie ausreist". Erler fügte hinzu: "Das Einzige, was ich weiß, ist, dass ihre Familie wohl davon ausgeht, dass sie zusammen Weihnachten feiern werden." Der Sprecher des Außenministeriums lehnte es noch einmal ab, sich zu Details der Freilassung zu äußern. Dabei hätten aber die Regierung wie die Botschaft "eine Rolle gespielt".

Staatsminister Erler bekräftigte, dass zu den Umständen der Freilassung von Osthoff und ihres Fahrers keine näheren Angaben gemacht würden. "Das ist ein übliches Verfahren, weil es nicht sinnvoll ist, dass man durch Bekanntgabe der Umstände womöglich Hinweise für potenzielle Entführer gibt, wie man so etwas handhabt, wie man über welche Mittel zu welchen Ergebnissen kommt." Dem wolle man nicht Vorschub leisten. Damit bleibt offen, ob für ihre Freilassung ein Lösegeld gezahlt wurde.

Osthoff von Entführern für Spionin gehalten
Osthoff und ihr Fahrer waren am 25. November entführt worden. Die Hintergründe blieben auch am Sonntag ungeklärt. Steinmeier sagte, zu den Umständen der Befreiung wolle er sich "noch nicht" äußern. Der Krisenstab des Auswärtigen Amts hatte sich in den vergangenen Wochen rund um die Uhr mit der Entführung befasst, konnte lange Zeit aber keinen Kontakt zu den Geiselnehmern aufnehmen. Das einzige Lebenszeichen war ein Video, das der ARD zugespielt wurde.

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Focus" war Osthoff von ihren Entführern zunächst der Spionage für einen westlichen Geheimdienst verdächtigt worden. Als mutmaßliche Täter nannte das Magazin eine militante islamische Splittergruppe namens "Armee der Mudschahedin". Diese distanzierte sich jedoch auf ihrer Internetseite von der Tat.

"Freude und Erleichterung"
Der deutsche Außenminister Steinmeier dankte den Mitarbeitern der Botschaft in Bagdad, den Angehörigen des Krisenstabes und allen, die öffentlich Solidarität mit Osthoff bekundet haben. Er teile die "Freude und Erleichterung" der Familie und Freunde der Archäologin. Der Außenminister erinnerte aber auch an die zahlreichen weiteren Geiseln, die im Irak noch in der Gewalt von Entführern sind. "Die Bundesregierung appelliert dringend an die Entführer, sie unverzüglich in sichere Obhut zu übergeben."

Der Bruder der 43-Jährigen, Robert Osthoff, sagte, über die Umstände, die Geiselnehmer oder wann seine Schwester nach Deutschland zurückkomme, wisse er nichts. "Wir zünden jetzt Kerzen an, wir beten, und dann wollen wir vielleicht endlich wieder unsere Ruhe haben. Ich bin froh, ich bin glücklich, das kann ich nur sagen. Wenn Sie Kinder haben, dann beten Sie für Ihre Kinder, das sage ich Ihnen", sagte der hörbar bewegte Osthoff.

Osthoffs Schwester Anja reagierte erleichtert auf das Ende der Entführung. "Ich freue mich total, aber es ist fast unwirklich", sagte sie in den ARD-"Tagesthemen". "Ich brauch' bestimmt noch drei Tage, bis ich das versteh'"

Lob für Krisenmanagement
Der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle lobte die Bundesregierung für ihr Krisenmanagement: "Die Bundesregierung hat mit Umsicht und großem Geschick gehandelt." Die FDP danke dem Krisenstab des Auswärtigen Amts für seinen Einsatz. "Wir Liberale freuen uns außerordentlich über die Freilassung von Susanne Osthoff", sagte Westerwelle.

Auch die bayerische Sozialministerin Christa Stewens zeigte sich erleichtert. Sie wünsche der Frau ein schönes Weihnachtsfest im Kreis der Familie und mit ihrer kleine Tochter, sagte die CSU-Politikerin. Sie hoffe, dass nun auch der Fahrer Osthoffs bald freikommen werde.

Laut n-tv-Korrespondent Volker Jacobs sind noch keine Details zur Freilassung der Geisel bekannt: "Ich muss zugeben, man weiß noch gar nichts. Wir wissen nicht, wer Osthoff entführt hat." Wenn Lösegeld gezahlt worden sei, dann nur in geringer Menge. Wie der Kontakt zu den Entführern zustande gekommen war, sei immer noch nicht bekannt. Man müsse allerdings damit rechnen, dass so etwas im Irak noch einmal vorkomme, denn die Entführung im Irak sei "ein verbreitetes Geschäft".

Forderungen der Geiselnehmer
Die Entführer hatten in einer Videoaufzeichnung ein Ende der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Irak verlangt. Die deutschen Sicherheitsbehörden hatten sich intensiv um die Freilassung der Geiseln bemüht. Osthoffs Familie hatte mehrmals eindringlich an die Entführer appelliert, die 43-Jährige freizulassen. Bis vor einigen Jahren war Susanne Osthoff mit einem Jordanier verheiratet. Aus dieser Ehe hat sie eine 12-jährige Tochter.

Extremistengruppe bestreitet Verantwortung für Tat
Die irakische Extremistengruppe "Armee der Mudschahedin" hat Berichten widersprochen, die entführte Deutsche Susanne Osthoff festgehalten zu haben. Auf der Internetseite der radikalislamischen Gruppe hieß es: "Die Armee der Mudschahedin hat mit dieser Entführungsaktion nichts zu tun, weder direkt noch indirekt".

Die Gruppe, die sich mit Angriffen auf US-Soldaten brüstet, distanzierte sich von derartigen Geiselnahmen und fügte hinzu: "Die Armee erklärt, dass sie unschuldig ist und nichts zu tun hat, mit diesen Gruppen, die fälschlicherweise behaupten, dazuzugehören und deren Aktionen dem Weg und den Prinzipien der Armee im Heiligen Krieg für Gott widersprechen".

Beobachter halten es nicht für ausgeschlossen, dass kriminelle Entführer im Irak den Namen einer islamistischen Extremistengruppe benutzen, um die Gegenseite bei den Verhandlungen über die Freilassung unter Druck zu setzen und mehr Lösegeld zu fordern.

Auch Bürgermeister erleichtert
Der Bürgermeister von Susanne Osthoffs früherer Heimatgemeinde Glonn in Bayern, Martin Esterl, hat die Nachricht von der Freilassung der Archäologin mit Freude aufgenommen. "Das ist eine große Erleichterung für uns alle", sagte Esterl der dpa. Er freue sich vor allem für die Familie und die Menschen, die sich die ganze Zeit über für die Archäologin eingesetzt hatten. "Ich freue mich natürlich darauf, wenn wir sie hier wieder persönlich begrüßen dürfen." Das werde allerdings noch einige Zeit dauern. Erst einmal brauche Osthoff jetzt viel Ruhe.

(apa/red)

17.12.2005 12:31