Montag, 12. Dezember 2005

Schwere Explosion in Beirut: Unter Toten
ist auch anti-syrischer Politiker Gibran Tueni

  • Vier Menschen starben, zehn zum Teil schwer verletzt
  • Detonation ereignete sich in einem christlichen Vorort

Bei einem Terroranschlag ist am Montag im Libanon der prominente christliche Politiker und Journalist Gebrane Tueni (Tueini) (48) zusammen mit drei weiteren Personen ums Leben gekommen. Der Parlamentsabgeordnete und Herausgeber der Tageszeitung "An-Nahar" war ein kompromissloser Kritiker der syrischen Libanon-Politik und einer der Anführer der "Zedern-Revolution", die nach der Ermordung von Ex-Premier Rafik Hariri im Februar wesentlich zum syrischen Truppenabzug nach 29-jähriger Präsenz beigetragen hatte. Bei der Detonation eines am Straßenrand geparkten Autos mit etwa 100 Kilogramm Sprengstoff im Osten Beiruts, als Tuenis Wagen gerade vorbeifuhr, wurden mehr als zehn Menschen nach Angaben von Polizei und Ärzten zum Teil schwer verletzt.

Die libanesische Regierung hat die Einsetzung eines internationalen Tribunals gefordert, das die Verantwortlichen für die Morde an Hariri und weiteren Persönlichkeiten verurteilen soll. Informationsminister Ghazi Aridi erklärte im Fernsehen: "Wir werden den Kampf für die Freiheit fortsetzen, weil der Libanon die Heimat von Freiheit und Demokratie in dieser Region ist". Um diese Werte zu stabilisieren, müssten Opfer gebracht werden. Der US-Botschafter in Beirut, Jeffrey Feltman, verurteilte den Anschlag als "barbarischen Akt" und übergab Außenminister Faouzi Salloukh ein Memorandum, in dem es laut Medienberichten unter anderem hieß, die "hasserfüllten" Mörder hätten dem Libanon einen mutigen Anwalt seiner Unabhängigkeit und Souveränität geraubt.

Syrien hat "ausländische Einmischung" für das "gegenwärtige Chaos" im Libanon verantwortlich gemacht. In Anspielung auf die von dem deutschen UNO-Chefermittler Detlev Mehlis geleiteten Untersuchungen zum Hariri-Mord erklärte der syrische Informationsminister Mehdi Dakhlallah im libanesischen Fernsehen: "Dieses Attentat findet genau zum jetzigen Zeitpunkt statt, damit man Syrien beschuldigen kann." Das "destruktive Chaos", das im Libanon herrsche, habe seinen Ursprung in der "ausländischen Einmischung".

Serie von Bombenanschlägen
Seit dem Hariri-Attentat am 14. Februar wurde im Libanon eine ganze Serie von Bombenanschlägen verübt. Diese wurden in erster Linie syrischen Geheimdiensten zur Last gelegt, wie die Ermordung des Journalisten und Schriftstellers Samir Kassir, Kommentator von "An-Nahar", und jene des ehemaligen libanesischen KP-Chefs Georges Haoui (Hawi). Der libanesische Drusenführer und Vorsitzende der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), Walid Joumblatt, hat in einer ersten Reaktion Syrien beschuldigt, für die Ermordung Tuenis verantwortlich zu sein. Joumblatt, ein früherer politischer Verbündeter Syriens, äußerte sich kurz nach dem Terroranschlag gegenüber dem arabischen TV-Nachrichtensender "Al-Jazeera". Der Mord an Tueni, sagte er, stehe in einem Zusammenhang mit dem Mehlis-Bericht, mit dem sich am morgigen Dienstag der UNO-Sicherheitsrat befassen wird.

Tueni war ein kompromissloser Kritiker Syriens und hatte zuletzt wiederholt den pro-syrischen libanesischen Staatspräsidenten Emile Lahoud zum Rücktritt aufgefordert. Auch hatte er die Frage einer Entwaffnung der Schiiten-Miliz Hisbollah aufgeworfen. Bei den Parlamentswahlen im Frühsommer hatte er auf der multikonfessionellen Liste "Bewegung für die Zukunft" von Hariris Sohn Saad kandidiert. Als Journalist hatte Tueni kontinuierlich die autoritären Regierungen in der arabischen Welt kritisiert und Meinungsfreiheit gefordert.

Tueni, der einer griechisch-orthodoxen Politiker- und Intellektuellendynastie entstammte, war mit einer Drusin verheiratet - die interkonfessionelle Ehe löste enormes Aufsehen aus, als sie geschlossen wurde. Schon als 18-Jähriger wurde er, wie Kathpress berichtet, hautnah mit den Schrecken des Bürgerkrieges konfrontiert. Palästinensische Guerilleros schossen ihm im zweiten Kriegsjahr - 1976 - in die Beine. 1977 wurde er von christlichen Milizionären gekidnappt und 36 Stunden gefangen gehalten. Politisch gehörte der junge Tueni zu den Anhängern von General Michel Aoun, der 1989/90 als Armee- und Regierungschef einen ersten, erfolglosen Versuch zur Vertreibung der syrischen Truppen unternommen hatte. Anschließend musste er drei Jahre nach Frankreich ins Exil gehen. Nach seiner Rückkehr unterstützte Tueni seinen Vater bei "An-Nahar", 1999 übernahm er die Gesamtleitung des 1933 von seinem Großvater gegründeten Blattes.

Syrien kooperiert weiterhin nicht in Causa Hariri
In neuen Bericht zur Ermordung des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Hariri wirft der deutsche UNO- Sonderermittler Mehlis Syrien erneut mangelnde Kooperation mit den Fahndern vor. "Die Syrer kooperieren weiterhin nicht mit dem UNO- Team, und Syrien hat zeitweise versucht, die Ermittlungen in die falsche Richtung zu lenken", heißt es in dem Bericht.

"Es gibt 19 libanesische und syrische Verdächtige", heißt es in dem bisher vertraulichen Bericht weiter, den Mehlis an UNO -Generalsekretär Annan übergeben hatte. In Wien seien fünf Syrer in Zusammenhang mit dem Hariri-Mord einvernommen worden. In dem Bericht wird Damaskus aufgerufen, die verdächtigen Syrer festzunehmen.

Der Mehlis-Bericht soll nun im Weltsicherheitsrat erörtert werden. Zuvor unterstrich Mehlis erneut die Bedeutung der syrischen Spur. In einem ersten Bericht hatte Mehlis im Oktober den syrischen Geheimdienst für den Bombenanschlag auf Hariri mitverantwortlich gemacht.

(apa/red)

12.12.2005 08:15