Sonntag, 18. Dezember 2005

Prozess nach dem Horror-Unfall in Wien-Floridsdorf: Busfahrer fasst 18 Monate aus!

  • Der Lenker muss für sechs Monate ins Gefängnis
  • Zusammenstoß kostete im März zwei Menschenleben

Jener Busfahrer, der am 5. März 2005 in Wien-Floridsdorf eine Kollision mit einer Straßenbahn verursacht hatte, bei der ein vierjähriger Bub und ein 16 Jahre alter Jugendlicher ums Leben kamen, ist am Montag im Straflandesgericht rechtskräftig wegen fahrlässiger Gemeingefährdung mit Todesfolge verurteilt worden. Richterin Eva-Maria Seidl verhängte über den 37-Jährigen, dessen Ehefrau demnächst Zwillinge erwartet, eineinhalb Jahre Haft, davon sechs Monate unbedingt.

"Sie haben ihre Sorgfaltspflicht gröblichst verletzt", stellte die Richterin fest. Der Lenker, der für ein privates Unternehmen mit einem Shuttlebus den Floridsdorfer Bahnhof mit der Shopping City Nord (SCN) verbindet, war mit fast unverminderter Geschwindigkeit in die Kreuzung Rechte Nordbahngasse - Schlosshoferstraße eingebogen.

Ungebremst in die Kreuzung
Dies, obwohl der Kreuzungsbereich als extrem unübersichtlich gilt und ihm ein Nachrangzeichen geboten hätte, auf den Querverkehr zu achten. Der Busfahrer übersah jedoch die von links kommende Straßenbahn der Linie 26. "Sie sind über die Kreuzung gefahren, als hätte es diese gar nicht gegeben. Mit 28 Stundenkilometern!", hielt ihm die Richterin vor.

Laut beigezogenem Verkehrstechniker war der Crash damit "programmiert": Der Busfahrer befand sich bereits auf dem Gleiskörper, als er die Tram registrierte. Er gab zwar noch Gas, um dem Zusammenstoß zu entgehen, dieser war trotz der Vollbremsung des sich vorschriftsmäßig verhaltenen Straßenbahnfahrers unvermeidlich. Der Bus wurde praktisch in zwei Teile gerissen, der Vierjährige ins Freie geschleudert. Den 16-Jährigen erschlugen Metallteile. 16 weitere Personen wurden verletzt, einer davon schwer. Auch die Tram war schrottreif.

Fahrer in Erklärungsnotstand
"Es war verhext, das Ganze", stellte der Busfahrer in seiner Einvernahme fest. Er könne sich nicht erklären, weshalb er "diesmal nicht aufgepasst" habe: "Das ist eigentlich eine gemütliche Linie, die wirklich keine Geschwindigkeit und keinen Stress braucht. Das ist eine Kreuzung, die normalerweise vorsichtig angefahren wird. Ich hab' an der Kreuzung immer aufgepasst. Ich war mir sicher, dass nichts ist."

Der Mann war im Unternehmen als ruhiger, verlässlicher Mitarbeiter bekannt und nie negativ aufgefallen. Seine Kollegen hätten immer wieder betont, als Busfahrer lebe man mit einem Fuß im Grab und mit dem anderen im Gefängnis, erzählte der 37-Jährige: "Ich hab' darüber gelacht. Ich hab' mich gefreut, dass ich mit Menschen zu tun habe."

Sentimentalitäten im Gerichtsaal
Die Eltern der getöteten Kinder waren bei der Verhandlung anwesend. Eine Mutter schluchzte laut auf, als der Verteidiger fest stellte, sein Mandant habe sich nur "einen kleinen Fehler" zu Schulden kommen lassen. Der Vater des Vierjährigen hatte seine Unterlagen in einer von seinem ums Leben gekommenen Sohn gestalteten Stofftasche mitgebracht. In fröhlich-bunten Lettern war darauf "Michi" zu lesen. Unmittelbar vor der Urteilsverkündung wollte der Mann ein gerahmtes Foto seines Sohnes aufstellen, was die Richterin mit einer Handbewegung unterband.
(apa/red)

18.12.2005 22:00